Hört man sich um, singen und spielen und zeigen sich die Sensiblen. Zart ist ihr Empfinden, fein finden sie Weisen und Worte. Daß sie an ihrer Schwächung arbeiten und der ihrer Branchen, bleibt verdeckt. Sensibilität, die sich ausstellt und Hof hält, bedient die grob gestrickten Verhältnisse und wirkt narkotisierend, zuweilen verschleiernd. Der Durchgriff in die Wirksamkeit ist verstellt. Ein artistisches Stelldichein verlängert und weitet sich aus. Für die Szene ist das okay, Selbstbezüglichkeiten sind erlaubt bis erwünscht. Man bespricht und bespielt sich einvernehmlich die Verhältnisse. Einstmals hieß Biedermeier eine Epoche (ein Zeitstil) und bezeichnete das feine schöpferische Wirken und sorgfältige Kunsthandwerklichkeit. Die Schmerzen der Enttäuschung fanden Maß und Halt in Versen und Bildern. Rückzug ist die Tugend der sensiblen Aufmerksamkeit. Raum nach hinten wird gewährt. Der Politik ist es recht.
Allgemein
2024
Wie ein langgezogener Tempel ohne sondere Höhe, eindrucksvoll durch Flächenbedarf und Ausdehnung in der Horizontalen. Aufbauten im 24er Stil, ein paar Fenster zur Sonne. Für wen ist solches gebaut. Ich tippe auf ein Jahr der Konsolidierung und der Restauration. Grundfunktionen werden repariert, die jeweiligen Basen inspiziert, die geilen Triebe gekappt. Langhin wird geklärt werden müssen, wie es um die Fundamente bestellt ist. Die Zeit der Abenteuer ist vorbei. Wir blicken konservativen Tagen entgegen. Am meisten davon überrascht werden die Konservativen sein, von denen jeder weiß, daß es sie eigentlich nicht gibt. Gute Zeit für diejenigen, die sich als solche auszugeben verstehen. Allerdings werden sie bald entlarvt. Konservativ und progressiv sind situative Zuschreibungen, jeder von uns kann beides. Der Friede, von dem viele träumen, beginnt bei uns selbst. Niemals Teil der Hetze sein, ganz gleich, gegen wen. Selbstachtung wahren.
Nicht ins Trennende
Mit Sanftmut und Nachsicht ins Neue Jahr. Die Kanoniere haben geschossen, die Pistoleros haben gezielt und verfehlt, die Böllerer haben geböllert. Nichts Neues unter der westlichen Sonne und dem abnehmenden Mond. Wer gegen die Verschwendung von Geld und Pulverdampf ist, schaut dennoch aus dem Fenster und blickt den Raketen nach und wünscht sich was. Ich wünsche mir Einsicht, Verständnis, Klarheit, Gleichmut. Ich kann die Brände nicht löschen, denen aus der Ferne und über Send- und Vertrauensleute ich zuzusehen gehalten bin, doch ich kann versuchen, nicht Benzin ins Feuer zu gießen, sofern es hier ausgebrochen ist. Wer hier lebt, gehört zusammen, auch wenn kaum jemand das wahrhaben möchte.
Grüße aus Tanger
Möwen und Menschen
Noch nicht alle Möwen wissen, wie’s geht. Die, die es weiß, zeigt’s den anderen. Dort kommt eine Familie, seht ihr. Ihr könnt die Erwachsenen nehmen, aber besser noch wählt ihr das Kind. Sie achten nicht auf uns, deshalb funktioniert’s. Nämlich so! — Nun ein bißchen Geduld, ich muß doch bitten! Das Fischbrötchen liegt am Boden, sie werden es nicht aufheben. Das Kind weint. Das ist gut, sie werden es trösten wollen. Nun sind wir dran, ich hole es. — Nein, abgegeben wird gar nichts, erst recht nicht geteilt. Holt euch selbst was. Ihr habt doch gesehen, wie man’s macht. Menschen geben gern, wenn man sie bittet. Wir aber sind Möwen.
Falsche Schritte
Zusammenhang von Schönheit und Gefahr. Die Natur fordert ein oder der Gang der Dinge. Ein Geringes reicht, zu vernichten. Dort hinten versinkt ein Mann im Kreideschlamm, sieh nur. Auch ihm war die Natur heilig.
So sind die Worte doch etwas wert
Zum Einerseits gibt es stets ein Andererseits. Es ist nicht aller Tage Abend. Die Engpässe und Stockungen werden sich auflösen lassen. Die erheblichen Schwierigkeiten, die wir zu spüren meinen, werden sich nicht wegzaubern lassen. Doch Schritt für Schritt wird eine verantwortbare Vernunft wirken dürfen. Darauf möchte ich wetten. Ich setze auf die Modalverben, da sie die Art und Weise beschreiben, in der geschehen wird, was geschieht. Auf sie ist keinerlei Verlaß, sie wirken nicht anordnend. Darin liegt jedoch ihr Vorzug. Ich weiß nicht, wie die anderen sind, doch ich würde mir ungern Befehle erteilen lassen. Ich mag mögen. Ich möchte nicht sollen wollen oder wollen sollen. Daß darauf gepfiffen ist, wenn es ernst wird, weiß ich schon. Doch noch sind Spielraum und Bewegungsfreiheit. Wer weiß, wohin die Reise geht. Niemanden kann ich das fragen.
In dieser Dürre
Geistige Engpässe. Ein Zivilisationszustand hat sich festgefahren. Infarkte. Siehe die laufenden Kriege. Wer beißt wem in den Arsch, wie fest und wie lange. Stockungen, Verkrampfungen, Erstarrungen. Ratlosigkeit der flotten Köpfe im Situationsreaktionsreaktor. Wer Strategie mit Taktik verwechselt, sollte schwimmen lernen. Die Wirklichkeit mit ihren lästigen Tatsachen ist ein zähes Luder. Es läßt sich nicht töten läßt, indem man auf einen xbeliebigen seiner vielen Köpfe tritt. Wer hat wem Anweisungen zu geben. Die von der Moral dürfen mal runter. Im Westen nichts Neues, im Osten nichts Neues. Ein China ohne Laotse ist arm. Die Umverteilungen sind immens. Milliardenbeträge wechseln die Besitzer, dafür sind die Krisen da. Honi soit qui mal y pense. Nicht weit von hier schläft jemand im Zelt. Das könnte ich sein. Es regnet weiter.
Zwischenland
Zwischen den Jahren sein, das ist wie zwischen allem und nichts. Etwas Unbestimmtes oder Ungenaues. Eine Schiffahrt ohne See, eine Straße ohne Grund. Ein Weiter-immer-weiter ohne Ziel. Trudeln, taumeln, torkeln. Nüchtern sein wie das Gesetz. Zeit für Betäubung – als würde man demnächst notgeschlachtet, als lohnte es sich nicht länger. Als seien die Himmelrichtungen ausgesetzt. Als müsse man nun endlich beweisen, daß man nichts kann.
Vielleicht ist es gar nicht falsch, eine harmlose Rakete in den Himmel zu schießen
Hier regnet es leise. Manche Tropfen schlagen auf das Zinkblech der Fensterbank. Vertraute Geräusche. Geborgenheit. Kerzenlicht. Selbst die Gedanken ruhen. Wenig zu sagen. Genug getost des Jahres. Hochwassermeldungen aus den Mitten Deutschlands. Die Feuerwehren stapeln Sandsäcke, pumpen die vollgelaufenen Keller aus. Festtagstelephonate. Wir wohnen entfernt voneinander, lassen uns überbrücken. Ich habe keine Gefühle für das kommende Jahr. Möge es dies und das sein. Schritt für Schritt, Tag für Tag. Wir leben jetzt zwischen den Jahren. Das ist die Mattzeit. Nichts ist wirklich richtig, nichts ist wirklich falsch. Man wabert.