Die Zeit der „literarischen Blogs“ ist vorbei. Die Inhalte streben anderen Formen zu oder verschwinden leise im Wirbel des Geschehens und des Nichtgeschehens. Die Mode ist durch, die letzten Angestellten der Trupps sammeln die Requisiten ein. Der Saal ist leer. Entweder wird er geschlossen oder abgerissen. Mir ist, als sei er kaum bespielt worden. Entsprechend mache ich weiter. Ich bin auch nicht „literarisch“, das klingt wie gewollt oder künstlich. Poesie ist die Muttersprache der Menschheit.
Allgemein
Die notwendige Freiheit
In den Familien ist viel los. Man könnte einiges aufwirbeln. Damit dies nicht geschieht, sind Wächter berufen. Sie halten Linie und bestimmen die Grenze. Es gibt ein erlaubtes und erwünschtes Sprechen innerhalb der von ihnen bewachten Grenzen, ein unerlaubtes und unerwünschtes außerhalb ihres Wirkens. Daß das Unerlaubte nicht eindringe ins Erlaubte, ist Maßgabe des Traditionsvereins. In Traditionspflege kommen die Mitglieder zusammen und prosten sich zu. Grandios, wenn niemand mehr irgendwas zu verteidigen hat. Dann beginnt die Sache von vorn. Schon wird es schwierig, schon hört man Stimmen. Frei zu sein ist eine süße Chimäre. Andererseits …
Geisterfahrten
Könnte ich mich erklären lassen durch die Gegend, aus der ich stamme, wäre mir das lieb. Seht nur, diese Höhenlinie, und dort hinten, beinahe unsichtbar, der große Fluß, fast schon ein Strom, der fließt ins Meer. Unter solchen Himmeln begann ein Leben, es roch nach Blut und Wonne, und im Winter war es kalt genug für Schlachtung. Leben ernährt sich von Leben, wir lutschen nicht Steine. Auf dem Friedhof lagern die Leichen der Geliebten. Selbstvergessen ließe sich dort wandeln. Ich bin nur nicht mehr dort, der Gang der Dinge hat das verboten. Ich bin kein gehorsames Kind.
Pylone
Schwarmintelligenz
Man müßte, um geschützt vor Kritik und Angriffen zu sein, nur dauerhaft und unausgesetzt mitmachen. Und zwar bei jedem großen und erforderlichen Vorhaben oder Projekt, sofern die Teilnahme empfohlen oder befohlen wurde und insofern Widerstand zwecklos ist und solcher sich geradezu selbstschädigend auswirken muß. Das solide Mitmachen schützt. Es schützt in jedem Fall und unter allen Umständen. Es ist nichts weniger als die Generalabsicherung in derzeitigen und allen zukünftig denkbaren Herausforderungen und Konstellationen. Kein Wunder, daß die Familien und die Individuen sich an die Empfehlungen halten. Wer das nicht tut, geht ein hohes, versicherungsmathematisch schwer zu ermittelndes Risiko ein.
Schlau und feige
Menschen sind schlau und feige. Sie halten sich gern innerhalb der Absperrungen, dort sind sie wohl. Andererseits interessiert sie das Jenseits, nur daß die Klugheit gebietet, dorthin einstweilen nicht zu streben. Menschen halten sich gern bei der Gruppe, so vermeiden sie Fehler. Sind die Fehler die einer ganzen Gruppe, dividiert sich das Vergehen durch die Anzahl der Teilnehmer.
Rote Flecken
Leben ist ein Vorwärtsspiel, aus dem von hinten Gegenstände eingeworfen werden. Ständig neu, meistens überraschend, irgendein Kram. Vermutlich nicht beliebig, wenngleich kaum geplant, irgendwas dazwischen. Es gibt Leute, die möchten etwas hinter sich lassen, die erkennen guten Grund, daß ein Teil des Vergangenen dort bleiben sollte, wohin er ihrer Ansicht nach gehört. Sie würden ein Grab ausheben oder ausheben lassen, damit es verschwände. Verschwinden soll, was nicht zu einem gehören sollte: ein unangenehmes Detail, eine Vergangenheit, eine Schuld. Entlang der Fassade verläuft die Straße, auf der jedermann unterwegs ist. Man wird keinen Blutfleck auf die Hauswand spritzen lassen, ohne ihn eilig zu abzuwischen. Allerdings blutet es, überall hat es geblutet, jeder weiß es, trotzdem putzt man. Das gehört sich so, anders geht es nicht.
Altefähr
Kaffeerentner lassen sich auf Hafenrundfahrt über das Wasser tuckern, verzichten vereint auf die Nachmittagsserie. Der Himmel steht hoch, die Wolken sind lustig. Man muß aufs Wasser, um die Stadt derart zu sehen: wie jemand, der ankommt nach langer Reise und erschöpft ist und nicht mehr weiß wohin. Die Türme, die Wahrzeichen: weltliche Macht, geistliche Macht. Man ist norddeutsch nüchtern, so trocken wie knapp. Was muß, das muß. (Mehr nicht.) Insgeheim Sehnsucht, doch die See ist weit. Wer weiß schon und übrigens was? Selbstberuhigung bebenden Herzens. Man müßte Feuer legen, doch das liegt nicht in der Art. Immer mit der Ruhe, das hofft das ganze Land, binnenwärts zu.
So reise endlich auch ich ans Meer
Zaubereien
Was ist denn Sprechen – ein Abwesendes anwesend machen. So muß es nicht eigens und gegenständlich noch gezeigt werden. Was ist denn Schreiben: nichtanwesend anwesend zu sein, nämlich zeit- und ortsversetzt sprechen zu können. Nun darf noch gelesen und verstanden werden, mißverstanden sogar. Möge das Mißverstehen ein produktives sein. Man ist jedermann, sind wir alle und ist notfalls keiner. Dann sind es die anderen. Irgendwer wird man schon sein. Gewiß, das sind Spielereien, allerdings ernster als gemacht. Hinzu kommen die Reime und die Rhythmen, daß es lacht und kracht. Die Bedeutungen ziehen sich zurück, die wollen nicht durchmachen, die brauchen ausreichend ruhigen Schlaf. Soll man über mich gar nicht mehr sprechen dürfen, nur weil ich anwesend bin? fragt die schöne Topfblume. Ach, wird sogleich getröstet, so war das doch gar nicht gemeint. Aber es klang doch so … schluchzt sie.