Rückblickend wallt ein Erstaunen auf: daß man überhaupt dort war … Übrigens nicht sonderlich schwer, dorthin zu geraten. Man bucht einen Flug und sucht sich ein Quartier, mäuseschnell ist das gemacht. Verantwortungslos schnell ist das erledigt. Und dann ist man da … Trommelwirbel, Paukenschlag. Banalitäten folgen. Sie handeln von der Verwahrung des Körpers und seiner Bedürfnisse, beinahe die gesamte Zeitspanne lang. Zwischendurch gibt es Neuigkeiten und Anblicke des Unfaßbaren. Kein Abbild kann das für uns erledigen. Ich laufe über fast schon heiliges Terrain. Wäre ich verrückt genug, streichelte ich das Pflaster, jedoch nicht nur dort, sondern auch hier. Das Heilige ist überall, oder es ist nirgends. Ich glaube den Verwaltern des Heiligen keinen Zentimeter weit, doch ich achte ihr Bemühen. Die Stätten des Gedenkens mögen gepflegt und geachtet sein, was immer geschieht. Etwas in mir will weiter.
Allgemein
Kraft eines Ortes
Woanders erkenne ich mich im Spiegel nicht, sehe kurz hin: ein ungefähr Verbindliches mag verbinden, ich schaue weg. Ab in den Tag, ab in die Wäsche. Nicht einmal draußen im Freien bin ich selbst, laufe/irre herum wie ein Abgesandter. Was tue ich hier, was soll das? Eine skandalöse Unzuständigkeit türmt sich auf. Ich sitze auf der Plateauhöhe und sehe hinunter zu der Figur, die ich sein soll und die dort unten ein Menschsein spielt, das in der Fremde sich bewegt und bewähren soll. Manche nennen es einen Trip. Die Würde und das Geheimnis des Fremden empfinde ich dort und hier gegen mich selbst. Ich erkenne, da ich zurück bin, im Spiegel mich wieder – komme mir bekannt vor. Wir können gemeinsam was anstellen, ich habe Zeit. Sonst nehme ich sie mir. Erzähl mir von Neapel, Bruder.
Vesuv
Im Traum lief ich fort vom Mütterbasar und geriet in ein Biwak der Armee. Ich entkam den Uniformierten und lief auf eine Stadt zu, die ich einstmals kannte. Jemand folgte mir, wurde erschossen. Auch er wollte frei sein. Der Weg in die Stadt führt über Felsen und Gestein, ich erkannte alles wieder. Auch der Doppelberg, den sie nahe Göttingen die Gleichen nennen, war zu sehen. Im Laufen erkannte ich seine Schönheit.
Aus dem Zusammenhang 397
„Der Wahrheit wohnt eine Schönheit inne, selbst wenn es eine grausame Schönheit ist.“
East of Eden [2026], Folge 5
Fülle und Rausch 2
Ich weiß nun erneut, warum ich schreiben muß und weshalb Sprechen allein nicht reicht. Reden versickert im Moment des Geschehens, Schreiben setzt sichtbare Zeichen auf den Grund. Man muß sich wehren, denn die Tage schlagen mit Getöse auf die menschlichen Sinne. Das macht zurückweichen. Das drückt und quetscht. Der Körper weiß es als erstes. Nein, ruft er wieder und wieder, wir sind nicht stabil. Bis das blöde Hirn das endlich versteht, kann es dauern. Nach einer Weile sind wir schon recht demoliert – Körper, Seele, Geist. Vom Herzen hier zu schweigen. Nein, ich werde in dieser Stadt nicht eingewickelt in einen Teigmantel und in die Vitrine zur Straße und zum Kauf hin in Augenhöhe positioniert. Schluß damit, ich kann sprechen, ich werde schreiben. Neapel wird mir eine Lehre des Reisens und Lebens. Erneut Geböller, eine Möwe schreit. Jemand ist aus der Haft entlassen oder ein Deal ging gut. So feiert man das hier. Ein Uhr siebendreißig nach der Zeitumstellung.
Im Wald würde ich mich fürchten, hier aber …
Wer reist, kommt nicht hinterher. Mit nichts. Die Gedanken sind unterwegs wo hängen geblieben, die Gefühle kippeln hin und her. Ideen irrlichtern schwach. Meine Handgelenke sind zerstochen von Mücken, die hier einfliegen wie geladene Gäste. Ich konnte erst eine erschlagen. Katzengewimmer, ein Feuerwerk, Glockengebimmel. In die nächtliche Stille gerät ein Geräusch, als schnippe jemand mit dem Fingernagel auf eine leere Glasflasche, regelmäßig unregelmäßig, exakt nervenzehrend, als solle ich auf die Probe gestellt werden, ob es nämlich möglich sei, daß ich mich vergäße. Ich lief durch Gassen, die waren schmal, als hätte mit einem stumpfen Messer jemand sie lieblos in den Leib der dampfenden Stadt geschnitten und auf die Schnelle. Zackratsch, zackratsch, etliche Male, das muß reichen, in die Seitenwände drückst du Menschen, die lieben die Höhlen, die schaffen das und freuen sich gleich, daß sie überleben. Woanders die Schädelbänke des Todes, pittoresk in Reihen und Höhen gestapelt, als sei morgen Besichtigung des Obersten Totenwarts angekündigt, zugleich aber familiär und zutraulich, als wären alle Herzen rein und für immer. Vermutlich tropft es von der Wäscheleine auf ein abgestelltes Moped, und das ergibt ein Geräusch, das mich wachhält und überdenken läßt, was hier los ist. Ich weiß ja nicht, warum was geschieht.
Auf alles gefaßt
In den Flugzeugen sind wir Frachtmasse, in den Dosen überdauert die Fruchtmasse. Absturz, Untergang, Verwahrung. Fährfahrten, Busfahrten, Seilbahnfahrten. Niemand wird bleiben. Bilder gerahmt, Atmosphären beschnuppert, Gefahren geahnt. Es wurde geschossen, nicht weit von hier erstochen. Schauerliche Nähe: Macht, Tod, Gewalt. Nasenbluten im Lift auf der Fahrt in die Skybar. Sonne Mond Sterne. Wenn es eine Stadt unter der Stadt gibt, dann gibt es auch eine über ihr. Der Himmel ist ihr Unteranstrich.
Wieder und wieder
Fülle und Rausch
Gute Zeit – Herbst – nachzudenken, warum ich tue, was hier zu sehen und zu lesen ist. Selbstdarstellung – Darstellung wessen? Warum sollte sich ein Wesen darstellen müssen, dessen Existenz nicht in Frage steht? Niemand hat je behauptet oder gefordert, ich solle nicht sein. Man läßt mich. Warum also auf solche Weise hervortreten?
Früher dachte ich, eine Theorie des Fehlens müßte geeignet sein, das künstlerische Tun und den literarischen Antrieb zu erklären. Das Fehlende müsse ergänzt werden, manche Menschen trügen es hinzu.
Nun ist mir aber, als stehe die Existenz des Menschen buchstäblich in Frage. Immerhin also werde ich mich wehren und notfalls tun, als sei ich wichtig, wenn die Abschaffung des Menschen voranschreitet, die er selbst inszeniert, nur daß es personal „er“ nicht gibt.
Man sollte, dies vielleicht zur Entgegnung, ein vollständiges Leben als Mensch anstreben, mit Umwegen, Abwegen, Irrwegen auch. Die ausgespannten Systeme mögen das nicht, sie wünschen und formen uns funktional.
Linien, Risse, Dellen
Fahre ich hinaus in die Welt, flächig und entfernungsbestimmt, weiß ich nicht und kann ich nicht wissen, was durch solche Beweglichkeit bewirkt, erreicht, erkannt ist. Ich schwebe zurück, unsicher wie betäubt, jedesmal und wie seit immer schon unwissend, nachbeatmend, außer Tritt. Früherfrüher dachte ich nicht derart über das Reisen, also fiel es mir leichter. Heute ahne ich, was auf mich zukommt, und wappne mich. Man sagt Revolution. Ich bin dafür, aber rate ab.