Kein Firlefanz

Wir sind unterschiedlich erzogen, manche religiös, andere eher atheistisch oder agnostisch. Ich fühle mich keiner Gruppe zugeneigt, mir fehlt diesbezüglich der Glaube (das Vertrauen). Die Agnostiker gehen mir einfach durch (geschenkt), die Atheisten sind mir zu gottfixiert, die Religiösen zu betäubt (routiniert). Was mich interessiert und wachhält: Kaum spricht man mit einem Menschen, der einem etwas bedeutet, über Religion oder Gott, wird es auf der Stelle ernst. Diese Ernsthaftigkeit mag ich, denn sie fordert in Auseinandersetzung den gesamten Menschen. Die Frage nach Gott, Gretchenfrage genannt mitunter, berührt tief und faßt an. Wird sie gestellt, müssen wir uns sammeln und aufraffen zu etwas, das weh tut und Anstrengungen erfordert. Es geht um das Letzte und Erste, das ist klar.

Kein Firlefanz

Bei der Sache sein, nicht ausweichen

Eines sei schnell nachgesetzt. Jedes dieser Elemente ist fragwürdig, wandelbar, schillernd, mißverständlich, rätselhaft. Die Wahrheit wird stets eine Suche sein, die Ordnung ein Fragment. Der Sinn entgeht uns, fürchte ich, während wir ihm nahe zu sein wähnen. Mir liegt nicht an dem Namen oder Begriff Gott. Ich möchte das Wort, das eines voller Inhalt oder eines ohne Inhalt ist, produktiv machen. Ich tue das nicht zuletzt, weil ich nicht akzeptieren kann, daß die Gottesredner der akzeptierten und akkreditierten Religionen derart anmaßend damit umgehen. Als wüßten sie, was er will. Das ist unverschämt, und die Scham steht insbesondere jenen zu, die routiniert und absichtsvoll um Gott und seine Gunst buhlen. Gäbe es Gott als Person, trüge das zu ihrer Erheiterung bei.

Bei der Sache sein, nicht ausweichen

Wer ist wir

Sollte man nicht ganz darauf verzichten, recht zu haben? Sollen doch die anderen dieses zweifelhafte und verantwortungsbindende Vorrecht genießen und voll ausschöpfen. Sollen sie sich herzhaft bewähren und vollüberzeugt in die Schlacht schmeißen. Irgendein Remmidemmi wird sich finden lassen, um auf die Barrikaden zu gehen. In Zeiten des Rechthabens und Rechttuns nimmt man sich aus der Schußlinie, weil die Schüsse der Überzeugten sonstwohin fliegen und Querschläger produzieren. Besser gar nicht erst den sogenannten Krieg annehmen, nicht auf dieses Glatteis gehen. Man rutscht aus. Meines Erachtens gilt das Krise für Krise. Raus aus dem Feuer, raus der Hitze. Sollen sie feuern, sollen sie sich erhitzen. Noch immer ist nicht geklärt, was mit den neuartigen Impfstoffen falsch gelaufen ist. Derweil leiden Menschen und wissen nicht, woran. Kommen wir voran oder verweilen wir?

Wer ist wir

Der Seelenwanderer

Gestern hatte Jim Morrison Geburtstag, er wäre 80 geworden. Noch immer scheinen sie sich, die Erzähler seines Lebens, nicht einig werden zu können, wo dieser dunkle Engel in Paris, wohin er geflohen war, um seinem Rockstar-Image zu entkommen und sich der Aufgabe zu widmen, ein ernstzunehmender und großer Poet zu werden, genau sein Leben ließ: ob in einer Bar auf der Toilette oder in der Badewanne eines Apartments. Es gibt erschütternde Filmaufnahmen, die Morrison zeigen, wie er am Vortag seines Todes mit Alain Resnais unterwegs ist, auf einer Treppe zusammenbricht, wie ein Seemann schaukelnd durch die Geschäfte wankt, Schluckauf-Anfälle hat und wohl auch Blut spuckt. Der durch Alkoholmißbrauch geschändete Körper sendet unmißverständliche Nachrichten. In der Nacht seines Todes nimmt er das erste Mal Heroin und überdosiert. Welch tödlicher Selbsthaß bricht sich Bahn, wenn die inneren Kräfte der Vernichtung entfesselt werden. Einsamkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Ein langer schwarzer Tunnel, aufgehellt immer seltener und nur unter Zuhilfenahme von Medizin. Selbstmedikation durch Alkohol. Dazu noch diese Seelenverwandte, eine Zerstörte auch sie, seine „kosmische Freundin“ Pamela Courson. Über sie erhält er das Heroin. Sie wird ihm drei Jahre später, ebenfalls siebenundzwanzigjährig, in den Tod folgen (Überdosis H). Ich habe heute, als ich draußen war und den berühmten Rixdorfer Weihnachtsmarkt umkreiste (Scheu vor Menschen), etliche Songs der Doors, Album für Album, gehört. Das nimmt niemand mehr weg. Auch die Gedichte existieren, Tonbandaufnahmen, Photos, Filme, jede Menge Material.

Der Seelenwanderer

Ein Bild ausmalen

Es reicht ein Leben (vielleicht) nicht aus, um die Geheimnisse zu entschlüsseln, die dem Menschsein zu- oder innegegeben sind. In solchen Angelegenheiten sollte man die Zuständigen fragen, doch die verweisen auf anerkannte Autoritäten. Wer sind überdies die Zuständigen? Man kann sich doch nicht ernsthaft bei seinen Eltern beschweren – die haben es doch nur getan. Was dabei herausgekommen ist, erlebt sich selbst. Wäre es besser, nicht zu sein? Da wir aber sind, derzeit noch und zeitweise fröhlich (nehmen wir das als Bejahung), könnte doch ein wenig mehr möglich sein als bisher.

Ein Bild ausmalen