Es reicht ein Leben (vielleicht) nicht aus, um die Geheimnisse zu entschlüsseln, die dem Menschsein zu- oder innegegeben sind. In solchen Angelegenheiten sollte man die Zuständigen fragen, doch die verweisen auf anerkannte Autoritäten. Wer sind überdies die Zuständigen? Man kann sich doch nicht ernsthaft bei seinen Eltern beschweren – die haben es doch nur getan. Was dabei herausgekommen ist, erlebt sich selbst. Wäre es besser, nicht zu sein? Da wir aber sind, derzeit noch und zeitweise fröhlich (nehmen wir das als Bejahung), könnte doch ein wenig mehr möglich sein als bisher.
Allgemein
Verhängnis ist ein starkes Wort
Sie benotet die Dinge und die Leute. Ihr ist es wichtig, das Gute von dem Bösen zu scheiden. Sie ist im Einsatz, seit sie denken kann. Der Auftrag kommt von unten, von den Eltern, den Großeltern, der langen Geschichte. Das Schlimmste verhindern. Nie wieder. Ich weiß nicht, ob sie es weiß. Ich weiß nicht, ob sie bemerkt, wie sie losgeht auf sogenannte Feinde, die gar keine sind. Ich weiß nicht, wie man echte von unechten Feinden unterscheidet. Mir wäre lieber, ich hätte gar keine. Wenn ich sie erlebe, weiß ich, daß wir geladene Teilchen sind. Ich bin auch eines, auch ich drehe hier meine seltsamen Runden, und sie gehören nicht allein mir, sondern erfüllen auch oder teilweise die Anforderungen, die die Ahnen stellen würden, sofern sie das können, und ich bin mir sicher, daß sie es können. Die Toten sind nicht die tot, aber die Lebenden leben nicht. Wie bekommen wir das zusammen, sollte es stimmen?
Alle Mann an Bord
Vor ein paar Tagen wachte ich auf und konnte nicht weiterschlafen. Es liefen Wörter im Kopf, die mit sk beginnen, es sind nicht viele. Wie ein Besessener oder Verfolgter suchte ich, griff ins Gedächtnis wie in ein zerfranstes und lückenhaftes Lexikon. Ich fand: Skalp, skalpieren, Skelett, Skandal, Skalpell, Skandinavien, Skagerrak, Skizze, Skribent, Skrotum, Skunk, Skalde, Skipetaren. Da läßt sich was anhäufen. Skonto kommt geflogen. Skipper. Mit den Worten kommen die Vorstellungen. Ein Liedermacher erklärte, die semantischen Beziehungen zwischen Reimwörtern führten dorthin, wohin zu gelangen ohne sie nicht möglich wäre.
Drehtür
Der bemerkenswerte Penny-Markt-Kassierer fragt, ob ich erkältet sei. Es geht um den Ingwer, der auf dem Kassenband liegt. Ja und nein, sage ich. Ein bißchen vielleicht, mag sein. Meine Mitbewohnerin, sagt er, befiehlt mir, wenn ich kurz davor bin, erkältet zu sein, einen Teelöffel Ingwer und einen Teelöffel Knoblauch zu essen. Er sagt: Das schmeckt eklig, aber es hilft. Am nächsten Tag ist wieder alles gut.
Tropfen für Tropfen
Alte und ewig neue Idee, seine Gedichte mit Blut zu schreiben. Kein junges Gedicht dürfte ohne auskommen. Wir sind keine Hobbits. Ryan Bingham ist einer, um den ich bange. Ich bange auch um Katie Pruitt. Daß sie bei sich bleiben, auch wenn die Interessierten ihre Interessen anmelden und materiell unterfüttern. Sehr verführerisch. Würden Gebete helfen, hülfe ich aus. Andererseits braucht ein jeder seine eigene höchstpersönlich zusammengestellte Ladung oder Packung von Widerstand und Irrsinn und Verirrung, um über solche Barrikaden hinwegzugelangen. Nichts soll erspart sein, nicht einmal das Schlimmste. Doch es soll nicht zerstampfen, zerschmettern, zerstören – triumphieren. Das darf es nicht, das allein darf es niemals.
Dieses entsetzliche Unverstandensein oder Fühlen
Abheben
Gebetsteppich
Neuerdings schlafen alle des Nachts. Mögen sie tagsüber wach sein.
Brunnenschacht
Warum seid ihr denn so! wollte ich während der Pandemie dauernd schreien. Ich unterließ es, denn ich wußte, die Adressierten würden nicht antworten. Menschliche Natur: der Macht genügen wollen oder sollen.
Derweil warten sie bereits auf die nächste Angst
Meine Lieblingsseite im Internet ist corona-in-zahlen.de, ich kann sie jedem empfehlen, der sich Gedanken machen möchte zum intellektuellen und wissenschaftlichen Niveau unserer Republik. Hat man die Seite betreten, klickt man auf „Global“, um die weltweit gemeldeten Zahlen graphisch aufbereitet zu sehen. Deutschland ist seit Wochen und andauernd Spitzenreiter der gemeldeten Neuinfektionen und wird es bleiben – nur die USA bieten schlaff noch mit. Wenn ich die Seite öffne, drücke ich den Daumen und rufe wie ein Fan, der seiner Nationalmannschaft Mut und Courage wünscht: Deutschland – dadada – Deutschland. Ich habe es bereits geschrieben: Allein Deutschland ist endsiegfähig, in jeder Angelegenheit. Der Feind ist nicht ausgerottet worden, also treibt er sich noch herum. Man testet weiter und testet sich zugrunde. Das ist die Lage, sie ist nicht lustig, sie ist traurig. Ich fühle mit. Die Deutschen … mein Gott. Jemand müßte sich ihrer erbarmen. Wer könnte das sein, wie könnte das aussehen, was würde das helfen?