Kunst der Motorradwartung

Etwas ist eigenartig an diesen Zufällen, und ich achte mehr auf sie, seit ich intensiver darüber nachdenke, ob es ein Schicksal geben kann. Manche sprechen von Fügung und davon, daß das Wichtigste vorbestimmt sei. Ich bringe solchen Ideen eine gewisse Freundlichkeit entgegen, da sie nach etwas klingen, das man Aus der Zeit nennt. Entweder ist es nichtig oder ewig richtig. Selten entscheide ich mich, wenn ich nicht weiß. Ich halte die Schwebe aus. So gerät man ins Abwarten, in die laterale Drift sogar, wie Robert M. Pirsig das nannte: absichtslose Fortbewegung mit gesteigerter Aufmerksamkeit den Rändern zu (da es kein erkennbares Ziel gibt). Das Politische kann mir grundsätzlich nicht helfen, konnte es nie. Es vergröbert mein Denken, macht mich primitiv. Andererseits mußte ich mich wehren, nicht lange her, und wollte das auch – ich hoffe, das läßt sich erkennen, wenn man hier tiefer liest. Keiner der älteren Beiträge ist gelöscht.

Kunst der Motorradwartung

Geräusche

Es schneit und schneit, und das klingt wie beschrieben. Es fühlt sich gut an, geborgen zu sein, in Sicherheit sich zu wissen, es warm zu haben. Wenige hundert Meter von hier, jenseits der Straße auf dem schmalen Grünstreifen am Zaun, hinter dem der Friedhof liegt, steht ein Zelt, in dem ein Mann leben und schlafen muß, den wir alle hier kennen. Wir sehen ihn täglich. Er trägt einen Rucksack, geht von Ort zu Ort und schlägt sich durch. Er belästigt niemanden, fragt freundlich, ob man ihn unterstützen könne. Ich weiß, woher er stammt, ahne, was ihm geschehen sein mag. Gestern sprach ich mit einem, den ich besser kenne, und wir wußten, daß wir ihn bei uns schlafen lassen müßten, daß wir uns aber nicht trauen, eine solche Einladung auszusprechen, da wir nicht wüßten, was dann geschähe. Ja, das trifft es. Er schläft dort draußen, während es knispert, und ich schreibe diesen Text. Scham. Logik: Wir sind vernünftig und helfen nicht.

Geräusche

Immer wieder Liese

Da die Sprache es erlaubt und nahezu fordert, müßte ich der Poesie der leisen Laute die Poesie der lauten Liese nachfolgen lassen. Gewiß könnte ich sie mögen, preisen, lieben sogar. Nur daß ich keine Liese kenne. Die letzte Liese, die ich kannte, war das Ackerpferd unseres Großvaters, auf dem ich einmal aufsaß, viel zu klein, um so etwas wie ein Reiter zu sein, ich war nicht einmal ein Reiterlein, ich saß nur dort oben und spreizte die Beine nach links und nach rechts, Lieses Rücken war breit und zuverlässig wie ein Tisch, und schon wurde ich wieder heruntergenommen aus jener schwindelnden Höhe. Diese Liese beschäftigt mich offenbar sehr, ein Grauschimmel, ein Kaltblut. Sie starb gleich nach dem Tod des Großvaters, zwei Wochen nach ihm, ebenfalls an Wasser in der Lunge. Man stutzt, man staunt. Sehr verbunden sind die Wesen und wissen es allzu oft nicht.

Immer wieder Liese

Poesie der leisen Laute

Die lautmalerischen Verben sind die schönsten: schlürfen, schlurfen, knuspern. Wie klingt der Schnee, wenn man über ihn oder auf ihm geht? Er knurpst. Es wird behauptet, er knirsche. Ich denke, die Zähne knirschen des Nachts, wenn es etwas zu bearbeiten gibt, das energischen Einsatz erfordert. Nun fällt neuerdings Schneeregen, und ich habe Kollegen aufgefordert zu sagen, wie das klingt. Sie hörten nicht hin, es war ihnen wurscht. Ich bin zu euphorisch beizeiten und zog mich, dies wissend, zurück, öffnete die Tür zur Terrasse nach draußen und wußte: Der Schneeregen knispert. Warum schreibe ich dies? Soeben, sechs Stunden später, knispert es erneut.

Poesie der leisen Laute

Gekonnt: Die Durrells auf Korfu

Die Redewendung lautet: mit leichter Hand. „Von leichter Hand“ sollte heißen, daß die Filme- oder Serienmacher über eine Leichtigkeit verfügen, die in ihr Werk gegangen ist. Ich empfehle nochmals Die Durrells auf Korfu. Eine Feelgood-Serie nennt sie Arte, sehr zu Recht, nur daß das gute Gefühl daher rührt, daß man sich auch intellektuell wie beschert fühlt. Das Niveau der Serie befindet sich ausdauernd und mindestens dort, wohin man gezielt haben könnte, wäre es einem vergönnt, vorwärts zu denken. Müßte ich hoch rühmen, setzte ich die Durrells neben die Brideshead-Verfilmung von 1981. Ich bin noch immer etwas baff, daß es ein solches Juwel zu sehen gibt. Vermutlich bin ich filmisch unterernährt, vermutlich schmachte ich nach Sinn, Schönheit, Humor. Ich mag zudem, daß der erste Eindruck täuscht. Die Zuschauer erwarten Kitsch, doch dann sprechen die Protagonisten, als sei es doch noch möglich, Wahn und Witz zusammenzuführen in Schönheit.

Gekonnt: Die Durrells auf Korfu

Von leichter Hand

Wer sich eine Freude bereiten möchte, sieht Die Durrells auf Korfu an. Eine Witwe zieht im Jahr 1935 mit ihren vier Kindern von England auf die griechische Insel. Lawrence ist der älteste der Geschwister und auf dem Weg, ein bedeutender Schriftsteller zu werden; Gerald ist der Jüngste und interessiert sich für Tiere. Das erste verständliche Wort, das über seine Lippen kam, habe „Zoo“ gelautet. Die Serie mit sechs Folgen wird auf Arte gezeigt. Obschon ich seit Jahren Lawrence Durrells Bücher lese und liebe, wußte ich nichts von seinem Bruder, auf dessen Aufzeichnungen diese „Miniserie“ [Korrektur: es gibt 4 Staffeln, nichts da: mini …] beruht.

Von leichter Hand

Zehn Tage

Ich stand in der Bahn, etliche Tage her, sah aus dem Fenster, sah auf meine Schuhe, sah in die Gesichter der anderen – sah dann in mich hinein, falls das geht, fühlte mich denkend hinein und wußte: Bleib bei dir, kehre ein, als seiest du deine eigene Herberge, laß die Welt toben und tosen, du wirst sie nicht besänftigen, nicht abbringen vom wirren und flirrenden Kurs, laß die Krisen Krisen sein, laß dich von ihnen nicht beirren, bleibe bei dir selbst, werde ruhig, atme tief, denke schön, sprich aufrichtig, wende dich ab von Haß und Zorn, fühle dich ein, doch verliere dich nicht im Labyrinth fremder Empfindungen, achte auf deine eigenen. Etwa so war das, vor zehn oder mehr Tagen in der Bahn mittags auf dem Weg in den Südwesten der Stadt.

Zehn Tage

Prägung und Entwicklung

Wieviele „Altarkerzen“ werden mir durch diesen Winter leuchten und Lichtwärme spenden? Im Drogeriemarkt gibt diese Riesendinger für 6,99. Ich entstamme einer Kerzenfamilie, ohne Kerzenlicht sind wir gar nicht denkbar. Anderen ergeht es anders, bei ihnen kommen die Kerzen am Geburtstag zum Einsatz, zur Adventszeit, an Heiligabend, das war’s. Es gibt auch solche, die fürchten das offene Licht und dulden die Flamme bestenfalls im Teelicht oder an einer Kerze in Glasumfassung. Ich denke, daß ich es mit drei bis vier Großkerzen schaffe. Sehe ich Kerzenlicht, denke ich an Seele. Mir ist, als hätte ich mein bisheriges Leben ohne Kerzenlicht nicht überstehen können. Ich bin mir ziemlich sicher. Ich bin ein Kind des Winters, ich brauche Licht und Wärme.

Prägung und Entwicklung