Herzschonend

Warum muß bei dir alles so wahnsinnig dramatisch sein? fragt die Tochter, verkleidet als Cheerleaderin, ihren Vater, der einmal Sheriff in einer Westernstadt gewesen sein muß, in einer halluzinatorischen Traumsequenz in Goliath, der Serie des Vertrauens. Es ist die Frage, die ich mir jeden zweiten oder dritten Tag stelle, wenn nicht jeden.

Herzschonend

Ein Beispiel suchen

Jemand stellt den Mantelkragen auf und geht in die Nacht hinaus, eine regenglänzende Straße entlang, die Straßenlaternen geben diffuses Licht, man hört die Schritte des Enteilenden, und die Musik sendet Abschied, auch Schmerz, eine dosierte Portion, dargebracht durch Jazz mit einem besenweichen Wischen des Atems, der den Song trägt, sch-b-tfff, sch-b-tfff, und lange noch nach, das Saxophon trocken und heiser vom Rechthaben, der Baß konstant, Herzschlag solide, Leben geht weiter.

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Aus dem Zusammenhang 364

Miss Kathy: „Hallo Leute!“

Kinder: „Hallo, Miss Kathy!“

Miss Kathy: „Und – wie geht es euch denn heute?“

Kinder: „Guuut!“

Miss Kathy: „Oh, das freut mich. Aber wißt Ihr, wem es heute nicht so gut geht?“

Kinder: „Weeem?“

Miss Kathy: „Mr. Magoo.“

Kinder: „Oh nein, nein, nein! Trauriger Mr. Magoo!“

Miss Kathy: „Und womit geht es Euch besser, wenn Ihr krank seid?“

Kinder: „Mit Medizin!“

Miss Kathy: „Ich habe Medizin gehört. Und genau darüber wollen wir heute reden. Medizin. Also – kann mir jemand sagen, hm, was das ist?“

Kinder: „Eine Tablette!“

Miss Kathy: „Das ist völlig richtig. Tabletten machen, daß es uns schnell wieder besser geht, wenn wir krank sind.“

Kind 1: „Meine Mom sagt, Tabletten können einem schaden.“

Miss Kathy: „Au … nicht, wenn man sich an die vorgeschriebenen FDA-Regularien hält.“

Kind 2: „Was ist FDA?“

Miss Kathy: „Ooh, eine sehr gute Frage, Sally! Die FDA ist die Arzneimittelaufsichtsbehörde. Wer weiß, wie eine Tablette von der FDA genehmigt wird? – Drei Schritte gibt es, um die Genehmigung der Behörde zu bekommen. Im ersten Schritt muß der Wissenschaftler ein Medikament erfinden, mit dem es den Menschen besser geht. Und im zweiten Schritt muß der Wissenschaftler das Medikament an ganz vielen Menschen ausprobieren. Und der dritte Schritt läuft so: Falls die Tablette wirkt, schickt dieser Wissenschaftler die Testergebnisse zur Genehmigung an die FDA!“

Kinder: „Jaaaa!“

KInd 1: „Und warum kann die FDA nicht testen?“

Miss Kathy: „Der FDA fehlen die Mittel, und die Ressourcen für das Testen.“

Kind 1: „Könnte der Wissenschaftler über die Ergebnisse nicht einfach lügen?“

Miss Kathy: „Aber Jimmy, warum sollte ein Wissenschaftler über die Testergebnisse lügen?“

Kind 1: „Um Geld zu verdienen.“

Miss Kathy: „Okaaay. Aber deshalb haben wir ja die FDA – damit nicht gelogen werden kann!“

Kind 1: „Und wenn der Wissenschaftler der FDA ganz viel Geld verspricht …“

Kind 2: „Um die FDA zu bestechen!“

Kinder: „Jaa, jaa, genau!“

Miss Kathy: „N-n-n-nein, nein nein nein. Die FDA würde sich niemals von jemandem bestechen lassen.“

Kind 1: „Woher wissen Sie das?“

Miss Kathy: „Wißt Ihr was – ich glaube, Mr. Magoo geht es schon viel besser! – Oh, ich höre, wie er schnurrt.“

Mr. Magoo (als Handpuppe von Ms. Kathy): „Oh, ich fühl mich gut. Durch die Tablette geht es mir schon viel besser.“

Kind 1: „Ist Mr. Magoo jetzt nach der Tablette süchtig?“

Kind 2: „Was heißt denn süchtig?“

Kind 3: „Mein Dad sagt, meine Mom ist süchtig nach Beruhigungsmitteln.“

Studiosendung für Kinder „After School with Miss Kathy“ in: Goliath, S4 F5 [September 2021]

Aus dem Zusammenhang 364

Ein eigenes Leben

Letzte Wespen draußen am Montag und Dienstag, heute ist Sonnabend; letzte Fruchtfliege unterm Lampenschirm. Das saisonale Leben endet. Eine sanfte Kühle streicht ein, nachts kann es bereits kalt werden. Den Nachbarn im Vorderhaus wurde Brennholz geliefert, eine ganze Menge war das. Wie man durch den Winter kommt. Nachdenklich auf besondere Weise, besonnen sogar. Nein, wir reagieren nicht mehr.

Ein eigenes Leben

Tropfen für Tropfen

Da wir tief sind, sind wir auch abgründig. Es gibt eine Angst vor der Tiefe, wie es auch eine Höhenangst gibt. Menschen scheinen in die jeweilige Mitte zu tendieren, um sozialen Anschluß zu wahren. Kein Zugvogel erreicht allein den rettenden Süden. Andererseits … wer weiß. Zu den Regeln gehören die Ausnahmen von der Regel, das wurde sprichwörtlich. Ich habe mir Regen gewünscht, es hat geregnet. Manchmal ist mir, als regnete es in mich hinein. Tropfsteinhöhlenbesuch damals auf Klassenfahrt in den Harz, vierte Klasse. Ich staunte aus dem Bus die Berge hinauf, kannte nur das Mittelgebirge. Mächtig erregende Landschaft. Wie überhaupt die Landschaften solche der Seele sind oder werden. Darüber müßte zu sprechen sein, ich würde Gary Snyder einladen, dürfte ich Gastgeber sein.

Tropfen für Tropfen

Kenntnis und Bekenntnis

Die aus der Zeit genommenen Tage. Heute ist einer dieser Tage. Er gerät nun in die Nacht. Man muß nicht eigens gläubig sein, um zu verstehen, daß etwas stattfindet. Heilig sind die Begegnungen. Wir sind nicht nichts, sondern eigens. Die bekannten Religionen haben versucht, etwas unter Kontrolle zu bekommen, was zu groß ist für das menschliche Begreifen. Sie haben es provinzialisiert. Darunter leiden wir und engen uns die Köpfe ein. Ich ehre jeden Ansatz, verfolge einen anderen. Die Glauben finden zueinander, doch es braucht noch. Nicht zu glauben ist in der Ordnung des Bestehenden.

Kenntnis und Bekenntnis

Spreewaldplatz

Hier an der Straße ist es auch recht schön. Busse halten an und fahren weiter, groß und gelb. Manche Leute tragen schon Wollmützen, dabei hat es sechzehn Grad. Der Hund liegt unter dem Tisch und hält die Nase in den Wind. Mal schauen, was passiert. Muß ja nichts Schlimmes sein. Eine riesige grauschwarze Dogge wird vorbeigeführt wie ein Kalb. Ein Kind trägt eine Krone aus Pappe. Im Lastenrad liegen unter der Netzplane drei Helme, zwei kleine und ein großer. Aus dem Baumstumpf vor der Bushaltestelle treiben Blätter und Zweige. Es könnte gleich regnen. Der alte Mann mit weißem Bart steht auf einen Stock gestützt und wartet auf seine Frau, die sich nach dem Weg erkundigt. Die Baustelle ist kameraüberwacht. Die Krähen wissen Bescheid. Der Hund folgt seinem Herrn ins Innere der Bar. Dort ist es dunkel, da sitzen sie und sagen nichts. Dauernd passiert was. „Kreuzberg ist gar nicht so schlimm“, sagt die Frau mit der Thunfischdose.

Spreewaldplatz