Bin nun in diesem Raum, es hat eine Stunde gebraucht. Körper sitzt längst hier am Tisch mit dem Rücken zur Wand. Seele trifft später ein. Wir sitzen unter Fremden. Kerzenlichter auf den Tischen. Gastwirtschaft. Jazz. Man schreibt Tagebuch, um vergessen zu können. Liebe liegt auf der Lauer wie eine Jägerin. Ich bin vorsichtig.
Allgemein
Tingeltangel
Die Frage lautet vielleicht nicht, ob wir ein Ziel haben. Wir werden eines haben, deren mehrere sogar, das läßt sich unterstellen. Die Frage ist: Was tun wir, wenn wir es erreicht haben? Ich höre die Antworten: Dann stellen oder legen oder setzen wir uns ein neues. Ziel.
Was bedeutet es, daß ich so frage und die Antworten lauten, wie sie lauten, und mich die Antworten nicht erstaunen, aber nachdenklich stimmen? Es könnte und müßte zuallererst bedeuten, daß ich alt bin, jedenfalls alt genug bereits, um den Lebenskampf zu relativieren, späterhin sogar aufzugeben, gezwungenermaßen. Es bedürfte meinerseits keinerlei Polemik, um dieses endlos fortlaufende und möglicherweise in ein spektakuläres Nichts zielende Getriebe als Rattenrennen zu desavourieren. Immerhin ist es Leben oder stellt sich streckenmäßig so dar. Besser noch als Tod. Keinerlei Makel, objektiv betrachtet, also aus der Sicht der Gegenstände mit ihrem Nichtbewußtsein heraus gesehen.
Nein, mich beschäftigt die bestürzende Tatsache, daß die Frage, was ein Ziel ist, ich seit der Pubertät nicht mehr befriedigend beantworten kann. Mittlerweile interessiert mich keine Antwort mehr. Kommt mir jemand mit Gottfried Benns Aussage, der Geist sei seiner Bestimmung oder Veranlagung nach bionegativ, nicke ich freundlich und unüberzeugt.
Ich habe oft genug Ziele simuliert, nur daß ich nicht wußte, daß ich simulierte, während ich es tat. Solches Vorgeben-als-ob scheint mir Kennzeichen des zivilisatorischen Lebens zu sein. Nur so können wir offenbar „gelesen“ und auch verstanden werden, jedenfalls mit Zuspruch und breiterer Anerkennung rechnen.
Was ein Ziel ist, weiß ich noch immer nicht. Ich sollte einem zustreben, das wurde mir versichert. Einem solchen zueilen zu wollen scheint ein Grundbeweis der Zurechnungsfähigkeit zu sein. Was aber, wenn ich gestehe, daß ich kein Ziel habe? Ich habe noch immer keins. Kein einziges würde mir gefallen, wenn es nicht so tun könnte, als sei es keines.
Großer Gott Wirklichkeit, das lädt ja zu sonstwas ein. Warum habe ich angefangen zu schreiben? Nun, ich fing an. Jetzt ist es geschehen. Schönes Leben mit Ausrufezeichen.
Helfen wir uns bei der Suche
Skifahren
Es gibt auch einen, nehme ich an, unerlösbaren Teil unserer selbst. Der bildet und zerteilt sich dann in jene Teile oder Splitter, die den Späteren zu schaffen machen – zuvor jedoch uns selbst. Der Gedanke (oder die Idee) einer Erlösung mag religiös klingen, doch sie beschäftigt mich. Ich kenne den Zustand der Erlöstheit. Er fühlt sich an, als gäben die großen Gewalten für eine Zeitlang einmal Ruhe, als sei es möglich, endlich einmal sinnvoll nachzudenken, und zwar nicht in herkömmlichen Begriffen und Verstehensweisen. Das ist ein Moment kostbarer Freiheit. Ich spüre, kann es aber nicht beweisen, daß die Last der unbewältigten Schwierigkeiten der Ahnen auf uns lastet. Nun fügen wir neuerlich Lasten hinzu. Derweil sollen wir noch alltäglich agieren und funktionieren. Da wird es manchmal knapp.
Eskimorolle
Nichts naheliegender als ein Rückfall. Nichts naheliegender, als die eingeübten Fehler zu wiederholen. Nichts naheliegender, als die erlittenen Niederlagen vergessen zu machen. Nichts naheliegender als eine Revanche. Nichts naheliegender, als zu triumphieren. Etwa so lauten die schäbigen Angebote des verwirrten Sinns. Das Gegenteil ist nicht richtig, besser jedoch eine Handlung oder Nichthandlung, die mit solchem Konflikt nichts mehr zu tun haben muß.
Qualität
Die Tage des Urlaubs soll ich keinesfalls zählen, sondern genießen. Jeden Tag, jede Stunde! sagt er. Das tue ich, verspreche ich und berühre kurz mein Herz. Er ist noch jung, doch nun schon erwachsen und der Sohn des Spätkaufverkäufers meines Vertrauens.
The Revolution Will Not Be Televised
Die Grenze selbst ist keine Illusion. Sie wird gespürt, erduldet, erlitten, bekämpft. Andere beten jeden Tag, daß sie hält. Derart unterschiedlich liegen die Verhältnisse, sind die Interessen verteilt. Darüber ist zu sprechen und läßt sich sprechen. Ein Wort wie Gerechtigkeit fliegt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Generation zu Generation. Und wäre es nicht schön wenn. Fragte man mich, würde ich vermuten, daß die Großen Systeme sich selbst abschaffen, und daß sie ihren Untergang vorher filmisch festzuhalten verstehen, nämlich ironisch. Vorhin einen Film gesehen, der das zeigt: kinolaut und heftig, endlos lang auch, One Battle after Another von Paul Thomas Anderson mit Starbesetzung. Drei Stunden Irrsinn, man braucht Nerven. Anschließend geht man wie überfahren nach Hause. Beste Unterhaltung kostet Zeit und Unmengen Geld.
Partnerwahl nur in der Tanzstunde
Die richtige Seite ist eine perfekte Illusion. Krieg macht sie möglich oder sie ihn. Ich habe vor Jahren hier die künftigen oder laufenden Kampflinien skizziert. Atem holen, und noch einmal. Wie langweilig. Ich versuche es trotzdem, weiß aber nicht, wo ich beginnen soll. Beginne ich mit dem Ort der Geburt oder dem der jetzigen Unterkunft. Setze ich fort, indem ich äußere Merkmale aufzähle. Wie angenehm, wenn man nicht fett ist. Wie herrschaftlich, ein Luxus-Apartment zu besitzen und nicht bewohnen zu müssen. Sie kommen über die Grenze und töten dich, weil angenommen wird, die Seitenwahl entscheide über ein Lebens- oder Überlebensrecht. Wer sind sie? Echtes Fragezeichen. Sie sind diejenigen, die annehmen, daß dem so ist. Es sind, ich verallgemeinere, die perfekten Illusionen, die dazu anstrengen, andere zu drangsalieren, zu vertreiben, zu töten. Klappt doch ganz gut, sagt der Lieferant für Argumente und Material.
Im Traum wurde abgerechnet
Sie berichteten, was sie gesehen hätten. Wie ich zwar zu Terminen erschienen, dann jedoch nicht die Räumlichkeiten (sie sagten: Räumlichkeiten) betreten, sondern dort hinten – sie wiesen auf eine grasbewachsene Böschung – gelegen und auf den Fluß geschaut (sie sagten: gestarrt) hätte. Daß ich meist abwesend wirkte, angeschlagen sogar, sie sagten: derangiert. Später sei ich dann wieder (sie sagten: angekrochen) gekommen und hätte quasi darum gebettelt, den Auftrag zu bekommen. Wir wußten, sagten sie, daß er falsch ist in dem Beruf, sie sagten: kein leichter Job vermutlich, und fügten pietätvoll hinzu: Was immer einem solchen Menschen angemessen ist.
Tag der Geburt
Paaren sich eine unbürgerliche Bürgerliche und ein unbäuerlicher Bäuerlicher, entstehen interessante Mischlingskinder. Dies zum Dank am Geburtstag, lebendige Seele. Wir sehen uns später.