Hier an der Straße ist es auch recht schön. Busse halten an und fahren weiter, groß und gelb. Manche Leute tragen schon Wollmützen, dabei hat es sechzehn Grad. Der Hund liegt unter dem Tisch und hält die Nase in den Wind. Mal schauen, was passiert. Muß ja nichts Schlimmes sein. Eine riesige grauschwarze Dogge wird vorbeigeführt wie ein Kalb. Ein Kind trägt eine Krone aus Pappe. Im Lastenrad liegen unter der Netzplane drei Helme, zwei kleine und ein großer. Aus dem Baumstumpf vor der Bushaltestelle treiben Blätter und Zweige. Es könnte gleich regnen. Der alte Mann mit weißem Bart steht auf einen Stock gestützt und wartet auf seine Frau, die sich nach dem Weg erkundigt. Die Baustelle ist kameraüberwacht. Die Krähen wissen Bescheid. Der Hund folgt seinem Herrn ins Innere der Bar. Dort ist es dunkel, da sitzen sie und sagen nichts. Dauernd passiert was. „Kreuzberg ist gar nicht so schlimm“, sagt die Frau mit der Thunfischdose.
Allgemein
So geht das
Novemberbuch
Grenzen eines Bildes 3
Ich hätte ja alle Jahre mitfliegen wollen mit den Wildgänsen. Ich bin nach Nils Holgersson benannt, das hat Folgen. (Es grenzte ja an Unsinn, hätte es das nicht.) Ich höre sie jedes Frühjahr und jeden Herbst und laufe sofort hinaus ins Freie, um sie dort oben ziehen zu sehen, meine unerreichbaren Vorbilder. Wildgans, nicht Hausgans. Doch ich saß hier letzter Jahre unbehaglich fest, angekettet an meine Zeitgenossenschaft, die ein übles Geschäft geworden ist. Ich verbringe ganze Tage damit, zurück in meine eigene Mitte zu irren, und finde sie manchmal nicht. Das heißt: ausquartiert zu leben. Wäre in mich eine Kompaßnadel operiert, würde sie unaufhörlich zittern und zappeln. Mächtige Magnete werden dort draußen vorbeigezogen, und das hört einstweilen nicht auf. Seit ich denken kann, weiß ich, wer was von mir will. Wer – was – von mir – will. Geht es nicht mehr nur mir allein, ich bin das gewohnt, sondern um mich herum nahezu allen Leuten schlecht, gerate ich endlich an die Grenze dessen, was ich hinzunehmen bereit bin. Ich weiß: Wir sitzen nicht mehr fest, wenn wir begreifen, weshalb wir festsitzen. Heute hat sich der Himmel geöffnet, ich fange also schon mal damit an, mit meinen ungenutzten, aber sicher nicht unnützen Flügeln zu schlagen. Da schwirren ein paar Federn herum, das paßt schon.
Grenzen eines Bildes 2
Ich bleibe mal in den Bildern der Einpressung und des Festsitzens und nenne diesen Beitrag der Einfachheit halber Grenzen eines Bildes 2. Vielleicht folgen weitere Einträge, das wird die angebrochene Nacht der Freiheit erweisen. Ich kann endlos schwimmen, wenn ich will. Wozu überhaupt Metaphern, ließe sich, nun ja, fragen. Damit man sich etwas besser vorstellen kann, vor sich stellen kann wie ein Bild. Das festgefrorene Schiff, das im Käfig gehaltene Menschenhuhn, die zubetonierte Freifläche des einstmals blühenden Lebens aus Gründen der Gleichbehandlung. Sind alle tot, kann niemand überleben. Da nicht alle frei sein können, müßte man alle einsperren, dann wären die Privilegien beseitigt. Man versteht. Ich kann hier endlos weitermachen, bis man versteht oder nicht. Heute also fiel das Atmen leicht und das Spazierengehen, fast schon ein Wandern, vergnügte das frohgemute Herz. Gedanken kamen geflogen wie die freien Vögel am Himmel. Es war ein guter Reisetag auch für die Wildgänse, die dort oben ihre Formationen korrigierten und sich der Thermik überließen, die kaum einen Flügelschlag der Anstrengung erforderte.
Grenzen eines Bildes
Ruckweise gerate ich frei wie ein Schiff, das im Eismeer festgefroren war. Ergeht es einem plötzlich gut, weiß man schlagartig, wie schlecht es gegangen ist. Das ist doch kein Leben, heißt es, wissend, daß auch solches Eingeklemmtsein leben bedeutet. Manche Tiere sind ja in Gefangenschaft gar nicht zu halten, anders der Mensch. Für ihn kommen Freiland-, Boden- und Käfighaltung in Frage, und nur im Notfall hackt eine Henne der anderen ein Auge aus. Man muß befürchten, daß die Krähen recht genau wissen, was es mit uns auf sich hat. Was geschieht nun mit dem Schiff, das es durch schmale Fahrrinnen vom Packeis ins Treibeis schafft und endlich in freie Gewässer gerät? An Bord beglückwünschen sie einander und sehen in zerkrustete Visagen. Manchem sind die Zähne ausgefallen, andere tragen dunkle Flecken auf der Haut. Geben und nehmen, umgekehrt auch.
Kompliment
Amy Brenneman spielt Diana Blackwood. Mrs Blackwood ist millionenschwere Unternehmerin im von der Dürre ausgezehrten Kalifornien, wie es in der dritten Staffel der Anwaltsserie Goliath zu besichtigen ist. Ihr Geschäftsfeld sind Beauty-Produkte auf Mandelbasis. Der Anbau von Mandelbäumen im Valley kostet jede Menge Wasser, das woanders fehlt, und es ist ein Krieg eröffnet um die kostbarste Ressource des sich erhalten und erneuern wollenden Lebens. Mrs Blackwood beherrscht sämtliche Genres, sie ist Salondame, Freundin, Vertraute, Chefin, Muse, Rachegöttin, Gönnerin, Anteilnehmende, Trösterin, Schmeichlerin, Wohltäterin. Sie greift nach allem, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit zu bringen versteht. „Ich will doch nur helfen.“ Ein Nein zu ihren Absichten versteht sie als unverzeihlichen Angriff auf die Hoheit der eigenen Person. Daß nach einem Verbrechen wider ihre „wirklich“ allerbesten Absichten und berechtigten Interessen eine Art Stille herrscht, gehört zur Dramaturgie der süßen Rache. Sie meint, man könne ihr nicht in die Karten schauen. In solcher Fehleinschätzung liegt ihre Schwäche. Jeder weiß, daß sie sich stets dann bemüht, wenn sie etwas will. Sie dagegen geht davon aus, ihr Auftreten und die zwingende Logik ihres raffinierten Verstandes versetze einen jeden, den sie berührt, in eine Stimmung des Erhobenseins und freudiger Gefolgschaft. An Gerechtigkeit hat sie niemals glauben müssen. „Diana kennt kein Nein“, erinnert uns einer ihrer beiden Adoptivsöhne.
Schlangestehen
Kottbusser Damm, sonniger Nachmittag, im Schatten ist es kalt, in der Sonne warm. Auf einem Lastanhänger steht ein Toilettenhäuschen, wie es auf Baustellen oder Festivals zu finden ist. Dieses heißt Wölkchen, nicht wie üblich Dixi oder Toitoi. Auf dem mit einer Manschette an einen Laternenpfahl gezurrten orangenen Abfalleimer der Berliner Stadtreinigung steht Kot d’Azur. Geschmack ist, worüber sich streiten läßt. Wölkchen-Toilettenkabinen duften, so lautet das Werbeversprechen. Daß wir ansonsten einen Großteil der Zeit unsere Notdurft vergessen dürfen, ist eine kulturelle Hochleistung.
Hunderennen hieß der Titel
In anderer Leute Leben herumzufummeln ist keine gute Idee. Auch kann man sich den Weg zu ihrem Herzen oder Kopf nicht freischießen. Man wird nicht einmal bewirken, daß jemand an einen denkt. Es sei denn, man verfügte über massenmedialen Einfluß, dann ließe sich oberflächlich was bewegen, für eine Zeitlang. Irgendwann fliegt jede Sache auf. Vorsicht vor jenen, die Heil zu bringen versprechen oder zu wissen meinen, wie es dir gut geht. Worte sind eitel, Taten sind wahr. Daß man das Wortemachen für ein Handeln hält, ist eine der zahllosen Zurechtlegungen der Intelligenzija. Sie arbeitet fleißig im eigenen Geschäft. „Soll doch jeder einmal seinen Preis nennen“, sang André Heller.
Abgestürzt vom Buchstabenrand eines Namens
Sie leben für ein paar Tage in einem Palast mit Blick auf die Sierra am Horizont, darüber steht tagsüber verläßlich ein hellblauer Himmel mit Wolkenfleckchen. In den sogenannten Zimmern, die eigentlich Säle sind, ist alles geschmackvoll arrangiert. Kein Gegenstand könnte Abscheu erregen oder die Gemüter der Gäste beunruhigen. Hier sollen sie sich erholen und zu sich kommen. Wir sind ebenfalls Flüchtlinge, sagt der Patron, nur daß wir jener Welt fliehen, in die die anderen unter Einsatz ihres Lebens streben. Das Paar nickt. Was soll man sagen? Hier ist es schön, vielleicht ein bißchen zu sehr schön. Die Sierra wirkt wie eine Kulissenmalerei, doch sie könnten hinausreiten, morgen schon. Sonst mit dem Geländewagen, ein Chauffeurscout stünde bereit. Die Balkontür gleitet lautlos auf, die Luft riecht würzig. Wo sind wir hier? fragt irgendwer.