Allgemein
Vorerst
Vollmond ist erst Dienstag. Noch ist Montag. Montag ist Mondtag, das kommt sich erfreulich nah. Jeder kennt die Launen des Mondes und deren Wirkung auf das ansonsten selbstbestimmte Ich. Eine Bestimmung sei erwünscht in anderer Hinsicht. In welcher, ist zu fragen. Ansonsten Schwamm drüber, jedes denkende Wesen benötigt Bestätigung außerhalb sonstwelcher Reglements und büchst auch aus. Zum Glück. Die Eigentlichkeiten sind unergründet, das allein macht Hoffnung.
Über den Kopf streichen
Das Leben muß sich durchwehen, und mit Wehen ist der Schmerz bezeichnet, nicht der Wind. Die Wehschmerzen des Lebens, nicht erst mit der Geburt. Vorher schon, später vielmals. Man müßte eine Geschichte des Schmerzes schreiben, meinte man es mit dem individuellen Menschen ernst, solcherart auch mit sich selbst. Aber dürfen wir uns selbst denn überhaupt ernstnehmen: also ernst nehmen? Wie soll ich mich sonst nehmen: als Jux, als Tollerei, als Idiotie? Dies ist der Ernstfall, dies ist mein Auftritt – wenngleich … Wenngleich läßt die Türen offen. Wir wissen wenig, wir behaupten viel.
Dies zum Spagat
Es ist ein bißchen frustrierend, deshalb halte ich mich zurück. Da sagen Leute ‚Gott‘, beispielsweise, und sie haben kaum eine Idee, was das sein könnte. Ähnlich ergeht es mit ‚Frieden‘ oder ‚Liebe‘ oder ‚Geschlecht‘ oder ‚Demokratie‘ oder ‚Sehnsucht‘ oder ‚Kapitalismus‘. Gähnendes Fragen, große Augen. Immerhin dies. Generationen geraten unter die Räder, doch die Einzelnen zählen? Ich würde den Anwurf gegen die Etablierten führen, denn sie bereits wissen nicht eigentlich, was solche Begriffe greifen könnten. Sie geben sich einvernehmlich, ich bin Zeuge. Meiner Erinnerung nach gab es keine goldene Zeit des Wissens. Hätte es sie gegeben, müßte ich bekennen, sie verpaßt zu haben. Auch mir kamen die Alten mit ihrem sogenannten humanistischen Wissen, nur daß sie (wie auch ich) wußten, daß ihr gesalbtes Wissen nicht mehr verhindern konnte, daß Fürchterliches geschah.
Leute, die mir fehlen
Hoher Einsatz, gutes Spiel. Zu Köln lesen wir bei Heinrich Böll oder Rolf Dieter Brinkmann nach. Die Frage lautet, was hier los ist. Was war los, was hätte sein können? Uninteressant. Geschichte stampft weiter und zermalmt die Besten. Böll wurde alt, Brinkmann geriet ortsfremd und auf Rechtsverkehr gedrillt vor ein Auto. Ewiges Leben den Toten. Im Verwirrspiel der präsentierten Gegenwarten und der als Aktualität gepoppten Wirklichdringlichkeiten versteht sich das aus solcher Überaktivität entlassene Ich als Erkenntnissubjekt und vermag souverän zu handeln. Was denn sonst, Ihr Lieben. Blöd sind wir nur, wenn wir so tun.
Grau grau grau sind alle meine Träume
Wer schickt wen und wohin
Seltsame Zeit, in der ich lebe. Der letzte Sommer in Frieden, orakelt ein Militärhistoriker, mit dem ich mich gern einmal unterhalten möchte. Er fügt sicherheitshalber ein ‚vielleicht‘ an, so kann seinem Renommee nichts geschehen, selbst wenn es der vorletzte wäre. Ehrgeiz macht verwegen, wer kennt das nicht. Vielleicht erfolgt der Ernstfall später, denn er müßte doch erfolgen. Das Jahr 2029 wurde ins Spiel gebracht, als wollte man dem Gegner signalisieren, bitte greife vorher an. Mit solchen Machtknilchen haben wir es zu tun, es ist beschämend. Sie fummeln herum am Frieden, als sei er/sie eine lustige Fiktion oder eine Selbstbefriedigungspuppe. Ich meine die Herren in Ost und West und zudem die beteiligten Damen. Die Überschrift ist keine Frage, es müssen später noch die Namen eingefügt werden. So läuft Militär, so funktioniert Kriegseinsatz. Dies den Besoffenen zugeeignet. Geschichte wird gemacht.
Er läge weit zurück
So bedeutet: wie bisher, wie gehabt, auf die herkömmliche Weise. Wenn es nicht mehr weitergeht, bleibt man stehen, das ist normal. Manche kehren um, versuchen an den Ausgangspunkt zu gelangen. Es gibt aber keinen Ausgangspunkt für das eigene Leben. Irgendwann gibt es nicht mal mehr ein Elternhaus, dann muß man sich ganz allein und selbst beherbergen. Das ist das Schwerste, mag es scheinen. Ach, es gibt viel Schweres auf dem langen Weg. Immerhin ist der lange Weg kein Marsch. Ich würde sonst schmutzige Lieder singen oder müßte dauernd austreten. So geht es nicht weiter. Da ist es gut, in sich eine Mitte zu finden. Gefaßt tastet man sich weiter entlang ungewisser Zeichen ins Dunkel der Zukunft.
Pflastersteine
Manchmal geht es so nicht weiter. Vorn ist die Straße versperrt, da steht neuerdings eine Mauer, und ich habe keine Leiter dabei. Hinten qualmt es, da verbrennt was. Die Seitenstraße sind verschwunden, Geisterhand. Die Hauseingänge sind verschlossen, die Klingelschilder abmontiert. Der vierstellige Eingangscode scheint falsch zu sein. Die Hände zittern, das Herz rast. Die Hand faßt nach dem Schlüsselbund mit den noch nicht nutzlosen Schlüsseln, Stichwaffe. Niemand greift an. Der Mörder gehe weiter. Atemzüge, einer nach dem anderen. Über dem langgezogenen Rechteck der Straßengruft lastet ein schwarzgrauer Himmel in der vollen Pracht seiner Düsternis. Eine Straßenlaterne blinkt, die anderen sind aus. Noch Stunden bis zur Müllabfuhr.
Warten lohnt sich
Es ist Nacht, der Mond nimmt zu, hängt schräg über den Häusern. Tag der deutschen Einheit, man hört gähnen und stöhnen: immer noch oder schon wieder. Wenig Begeisterung im Land, dennoch treten Redner ans Pult. Solches Sprechen absolvieren zu können (müssen) gehört zur Job-Beschreibung der Akteure. Aber Deutschland ist ein Kind aus der Landeslotterie des Weltverbandes für unterdrückte Wünsche. Man zahlt dort ein und läßt die Lostrommel kreisen, und eines fernen Tages jenseits der Mauern der Zeit wird es einen Staat Kurdistan geben, ein geeintes Korea und sonstwas noch, womit die Probleme nicht enden.