Nach den Verheerungen der letzten Jahrzehnte liegen die Leute verstreut und hingestreckt in ihren jeweiligen Anwesen herum, man könnte sie als Meinungsreservate bezeichnen, und senden sich nun allmählich wieder zuversichtlich-schüchtern Morsezeichen. Einmal muß es ein Ende haben mit dem Getrenntsein und Getrenntwerden. Die Interessierten spielen wie ungestört ihre üblich gewordenen Ein- und Auskommensspiele auf hohem Risiko, die Bevölkerungen haften für die fahrlässig agierenden Eliten. Jeder weiß das. Kommt jemand mit einem Ismus um die Ecke, sieht man die Menschen fliehen. Plötzlich gibt es wie in einem historischen Flashback nur noch Rechte und Linke, selbst im Denken ansonsten vernünftiger Typen. Daß es überhaupt gelungen ist, solche Archetypen der Zeitgeschichte zu entmumifizieren und als Untote durch aktuelle Debatten und Diskurse gespenstern zu lassen, macht stutzig. Man müßte an Dämonen glauben, wollte man solchen Budenzauber als Wirklichkeit anerkennen. Daß die vereinigten Zivilisationen von Gaia ihren selbstverschuldeten Untergang als Satire veranstalten möchten, nimmt dagegen nicht wunder.
Allgemein
Café Chagall, ich denke an Wolfgang Hilbig
Es war ein farbenschöner Nachmittag mit einer gewissen Tageswärme. Vor den Cafés und den Restaurants saßen Gäste an Tischen, blinzelten ins Licht der hinter den Häusern der westlichen Straßenseite verschwindenden Sonne oder trugen dunkle Brillen. Tischgespräche über dies und das und wer macht was. Passanten zogen vorbei, ließen Satzfetzen zurück. Absolut, sagte eine Frau am Nebentisch. Und dann ein zweites und ein drittes Mal absolut. Die zum Platz sich weitende Allee gab zu sehen und zu hören. Mopeds knatterten, Autofahrer drückten auf die Hupe, Fahrradfahrer klingelten sich den Weg frei. Unter dem Pflaster vibrierte in regelmäßigen Abständen die Untergrundbahn und sandte ein leises Beben, das belebend in den Körper fuhr.
Eins und eins 2
Damit ist das gewaltige Thema seiner Natur gemäß bestenfalls angepustet. Es füllt Bibliotheken, gibt Anlaß zu Sorge, Spott und Hoffnung. Spätestens mit Eintritt der Pubertät streben die Geschlechter zueinander, nachdem sie zuvor nebeneinander existierten in fast schon getrennten Sphären. Daß Jungens oder Mädchen doof sind, ist bis dahin einigermaßen klar. (Bei mir war es anders, mich faszinierten die Anderen von Anbeginn.) Endlich führt dieses Zueinanderstreben zu Paarverbindungen, die sich anfangs lose ergeben, später fester und fester knüpfen. In solcher Verbindung, ob lose oder fest, macht man Erfahrungen, insofern auch oder sogar, daß aus Fehlern gelernt werde. Kaum jemand verbindet sich nur ein einziges Mal, das gab es früher oder soll es gegeben haben. Der Romantiker ist dafür, der Realist schaut skeptisch. Paarsein ist, was sich ergibt, wenn zwei miteinander sein mögen. Es ist jedoch noch sehr viel mehr. Manche bekommen es diesbezüglich mit Angst und suchen das Weite. Wer könnte das nicht verstehen?
Eins und eins
Paare. Was machen die eigentlich? Sie teilen Tisch und Bett, heißt es. Das ist redlich. In der Nacht ist der Mensch nicht gern allein und gemeinsam schmeckt die Mahlzeit besser. Auch läßt sich gut streiten und wiederkehrend feststellen, daß Menschen sich nicht ändern. Manchmal wird der Gesprächsstoff knapp nach Jahren oder Jahrzehnten. Manchmal sitzen sie nebeneinander und wissen auch nicht weiter. Besser allemal als allein zu sein. Der Mensch als paar- und gruppenbildendes Wesen, zudem sich seiner Lage auch noch bewußt. Paare sind für Kinder da, doch es gibt sie auch ohne. Haustiere und Hobbys, Garten und Geräte, Reisen und Kultur. Liebe ist eine unendliche Ressource, doch man darf sie nicht wollen. Wenn Menschen einander zu besitzen trachten, ist sie die erste, die fort ist. (Und auch das ist noch reichlich idealistisch gedacht.)
Filmbeute
Endlich wieder gut
Hier ist es still. Zwei Kerzenflammen geben Licht. Auf dem Bildschirm sehe ich Navajos, die darum kämpfen, daß ihre Rechte in den Vereinigten Staaten von Indien nicht verletzt werden. Nur filmisch, nur eine Serie, weit von hier entstanden, weit entfernt von hier gefilmt. Ich kann nicht eingreifen, obgleich ich es möchte. Die Serie heißt Dark Winds, Robert Redford hat seinen Namen als Produzent dazugegeben, sie leistet Wiedergutmachung. Zwar ist nichts wieder gut zu machen, doch ohne solche Versuche wäre man vollends moralisch pleite. Wir hier in Deutschland kennen das gut.
Federweiß
Noch gibt es den Federweißen zu erwerben und zu genießen, den teilweise gegorenen Traubenmost. Er schmeckt köstlich und macht übermütig. Während er zu Kopf steigt: ein Erntedank dem vergangenen Sommer: der Erde, der Sonne, dem Regen. Der junge Wein ist wild wie das Leben und mit Vorsicht zu genießen. Doch wie kann man vorsichtig sein, wenn man das Leben mag. Der Körper weiß als erstes, was los ist. Das Bewußtsein mag folgen.
Hier ist der Platz für Ihre persönlichen Gegenstände
Ach, die Tage sind nicht übel. Ihnen gebührt nicht die Schuld. Auch die Verhältnisse sind nicht übler als noch vor ein paar Wochen. Die Werbeleute sagen, man soll Nicht-Sätze und Negationen meiden, der Kunde könne sie sich nicht merken, es bliebe vielmehr merken. Ah, wir sind schlau. Die Tage sind recht gut, an ihnen ist wenig auszusetzen. Auch die Verhältnisse sind weiterhin annehmbar, auch wenn es vor einigen Wochen anders aussah. Zurück zu den neuesten Tagen eines Lebens, das sich beruhigt, indem es bekundet. Mir selbst ist solches Tun verdächtig, doch ich kann es derzeit nicht lassen. Jemand aus dem Nebel behauptet, ich sei süchtig. Nun, das gäbe Halt. Fast schon halb drei, Sie müssen doch schlafen. Im Heim wird gut für uns gesorgt, ein Lob ans Personal.