Die Kapuze über der Kapuze

Was soll das sein – Literatur. Literatur sind Buchstaben, aufgestellt in langen Reihen. Jemand der lebt, hat sie aufgestellt. Vielleicht ist er auch schon tot. Jemand der lebt, liest sie. Tote Buchstaben zu Leben erwecken, das heißt lesen. Leben zu toten Buchstaben aufstellen, wie Grabsteine, das heißt schreiben. Endlose Grabreihen auf unzähligen Friedhöfen. Zwischen den Reihen äsen Rehe, Farnkraut wuchert, und ich wäre jetzt gern in Wien. Ich lese eigene Grabsteinreihen, fühle sie kalt und tot. Lust, mit einer Bohrmaschine ein Loch in einen dieser Steine zu fauchen und durch die entstandene Lochöffnung auf die Friedhofshecke zu schauen, ob ich da ein Nest entdecke.

Die Kapuze über der Kapuze

Dicht gepackt

Auch gehe ich davon aus, daß mein Leben ein Exempel ist.

Exempel: das aus einer Menge gleichartiger Dinge Herausgenommene. Daraus wird dann sprachgeschichtlich Muster, Vorbild, Beispiel.

Für wen denn? wäre zu fragen. Nun, das weiß ich nicht, doch immerhin für mich selbst. Ich lerne mich kennen, indem ich lebe.

Ich soll ganz ich selbst werden, das unterstelle ich. Sonst wäre es sinnlos, daß es mich gibt. Da ich jedoch existiere, werde ich „suchend streben“, was es damit auf sich haben mag.

Ein Leben ergibt sich aus dem, was man tut und was man unterläßt. Ich bin bezüglich meines weiteren Weges neugierig. Was mag mir noch geboten werden? Es war ja schon eine ganze Menge zu verstehen.

Früher warf man mir vor, ich sei unersättlich. Ja, ich mag es, Menschen kennenzulernen und zu ergründen. Manchmal unterstelle ich: Das kann doch nicht alles sein. Dieser Mensch ist für mehr gemacht.

Zudem gefällt es mir, einen Beobachterstandpunkt zu imaginieren, von dem aus das Leben sich anders darstellt. Es könnte betrachtet werden aus der Sicht eines Tragödien-, ein Komödiendichter. Daß man aus solcher Perspektive über mich lacht, käme mir recht.

Daß ich die Hauptfigur in einem Spielfilm bin, dessen Co-Regisseur ich bin, leuchtet mir gleichfalls ein. Keinesfalls kann ich alles im Griff haben. In jedem Fall geht es um ein Leben.

Dicht gepackt

Daß es gut ist

Daß es gut ist, wie es ist. Jedoch nicht in einem vordergründig sachlich-moralischen oder gebunden religiösen Sinn, sondern größer. In einem unmanipulierten Sinn, an den die Lebendigen kraft ihres Geistes selten reichen.

Man versteht den Anfang einer Geschichte erst, wenn man ihr Ende kennt. Niemand kennt das Ende des individuellen Lebens außer jenen, die offenbar nicht mehr reden.

Mit sogenannter Esoterik ist diesbezüglich nichts zu holen, wenngleich der Glaube Berge zu versetzen meint.

Daß es gut ist, wie es ist – was kann das sinnvoll bedeuten? Es bedeutet, daß die lebendigen Kräfte sich in ein Verhältnis setzen. Es bedeutet: Von nichts kommt nichts. Es bedeutet: Die Verhältnisse sind das Ergebnis dessen, was geschehen ist. Was ist denn geschehen? Nun, wir haben es doch erlebt. Das Ergebnis mag nicht „gut“ sein – vordergründig moralisch oder religiös. Doch es ist zuverlässig vorhanden, in solchem Sinne sogar objektiv, und steht dem erkennenden Verstehen zu.

Selbst wenn die Dinge oder Verhältnisse „nicht in Ordnung sind“, befinden sie sich in der Ordnung des Ganzen. Sie unterliegen den großen Gesetzen. Die kleineren Gesetze sind solche der Menschen.

Daß es gut ist

Mit ausgebreiteten Schwingen

Es war früher nicht anders: dauernd ist Mitternacht. Noch ein paar köstliche Minuten 29. September 2025, bevor auch dieser Tag vergangen sein darf. Ich war heute essen, besuchte ein Fischrestaurant. Es gab Wolfsbarsch, die Gräten waren lästig, doch es schmeckte köstlich. Während ich aß, geriet ich in eine Traurigkeit. Ich kann hier fremd sein, manchmal gefällt mir das. Am Himmel stand nachmittags über dem Großen Feld eine Wolke in T-Form. T wie Tod. Ich weiß, wer gegen wen kämpfen wird, wenn es ernst wird. Mir wäre lieb, wir ließen es.

Mit ausgebreiteten Schwingen

Regenpfützen, Ölschlieren

Vermutlich stammt die Ellipse aus einem Film. Ich höre sie im Kopf an Tagen, an denen nichts wird und wenig ist. „Game over, Freundchen.“ Hämisch gesprochen, die Stimme aber künstlich wie die eines Sprechautomaten minderer Qualität, damals in den Siebzigern, ein Horrorfilm. Automaten-Casino, blinkende Lichter, lockendes Geld. Game over, Freundchen. Du hast es kommen sehen, bist nicht überrascht, nicht ernsthaft überrascht. Zieh den Kopf ein, sonst wird er abgeschlagen. Du weißt, was du bist. Geh schnell nach Haus.

Regenpfützen, Ölschlieren

Eine Folge von Deckenlichtern

Blick in einen Krankenhausflur: die lange Flucht der Türen, die abgestellten technischen Geräte auf Rollen, das eilige Fachpersonal. Willkommen in der Körperreparaturwerkstatt. An den kahlen Wänden sind in Abschürfhöhe stoßfeste Wandschutzelemente angebracht, die desinfektionsmittelbeständig sind. Sie geben dem Auge perspektivisch Geleit. Dort ganz hinten ist das Ende des Flurs, da befindet sich eine Glasscheibe, auf die sind schwarze Vögel geklebt.

Eine Folge von Deckenlichtern

Loblied September

September, schönster aller Monate. – Nichts gegen die anderen! – Weinlaubleuchtendes Land. Farbentiefe. Faßt mir von hinten kalt ein Wind ins Genick. Erste Botschaft vom Wintergeneral. Ich laß euch noch, sagt er. Jemand behauptet, es gäbe keine Gegenwart. Ständig wird Vergangenheit produziert. Ein riesiger Haufen von Erinnerungen liegt herum, die allmählich verrotten und zu Kompost werden sollen. Manchmal zieht jemand einen abgetrennten Arm daraus hervor. Auf den Friedhöfen spricht man leise. Katzen dösen im Sonnenlicht, Krähen patrouillieren.

Loblied September