Vielleicht sucht man sein Leben lang nach solchen, die nicht gegebenenfalls und gedrungenerweise auf einen scheißen. Dafür sind die Krisen da – um Unterscheidungen zu begünstigen. Daß man unterschiedlicher Meinung ist, gehört zur Menschenart. Aber auf einen anderen zu scheißen, das ist schmutzig. Mir ist, als seien wir trotz politischer Hysterisierung und Polarisierung noch immer friedensfähig und konziliant.
Allgemein
Aus dem Zusammenhang 355
„Ich könnte mir vorstellen, daß Gott es leid ist, von zwei verschiedenen Parteien angefleht zu werden.“
Unterwegs nach Cold Mountain
Botschafter
„Es heißt, es bringt Glück, wenn ein Vogel in einem Zimmer gefangen ist.“ (Unterwegs nach Cold Mountain, 2003) Das höre ich gern, denn Anfang des Jahres verflog sich eine Meise in mein Schlafzimmer, war aufgeregt und flatterte hin und her, stieß sich an den Scheiben von Fenster und Tür und fand doch wieder hinaus ins Freie. Gefangenschaft ist ein düsteres Los, insofern deute ich das Zitat anders, nämlich als Hinweis auf unerwarteten Besuch.
3. Axiom
Man muß jung sein, um für eine gerechte Sache kämpfen, siegen und notfalls sterben zu wollen, und alt und abgewichst, um die Jungen sterben zu lassen. Daß das hierzulande erneut zu besichtigen ist, schmerzt. Wie ein Blöder hoffe ich auf einen guten Ausgang der aufgeladenen Sache und darauf, daß noch ein Wunder geschieht. Solange es auf sich warten läßt, verhalten sich die Kontrahenten spiegelbildlich zueinander und zeigen in den Spiegel, um zu sagen: Der hat angefangen. „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.“ (Paul Watzlawick, Die 5 Axiome der Kommunikation) Sie ist die Frage nach dem Anfang und der Ursache. Wer hat das Rad des Unheils in Bewegung gesetzt? Mein Rat lautete (unheroisch): Rechtzeitig abspringen. Die Sache verbrennt die Beteiligten zu Staub und Asche. Weshalb auch sonst studiert man Geschichte?
Sie können mehr
Es war recht einfach, irgendwen oder -was abzulehnen, gewissermaßen aus der Hüfte heraus, ein Schuß, ein Treffer, die Verhältnisse gaben das her; es war sofort ersichtlich, wer recht hatte, insofern war es einfach. Daher das Wort. Einfach und ein Fach – nicht zwei. Daß Menschen simpel sind, glaube ich nicht.
Wann endlich gibt es ein neues Album
Aufbegehren
Nachsatz zu Kaputt und munter: Ich bin noch immer bestürzt von der Genauigkeit und der Schonungslosigkeit solcher Zeilen/Verse. Da richtet jemand sich selbst. Kein Firlefanz, keine Kunstambition. Gnadenlos klar. Ich bin fertig mit mir, sagt das Lied. Doch nur einstweilen, hofft der Zuhörer (ich). So soll man mit sich umgehen, wenn die anderen wegsehen. Ob man die Strafe verdient hat? Das kann ich nicht wissen. Ambros schien es zu wissen. Er kommt aus einer Welt.
An eine Grenze gelangen
Gipfel und Abstieg
„Jetzt sitz‘ ich da, kaputt und munter, und träum‘ von einer bess’ren Zeit. Vergangenheit und Zukunft, die ha’m jetzt kei‘ Bedeutung mehr“, singt Wolfgang Ambros, etwa 1980. Vier Jahre später war ich Soldat bei der Bundeswehr in Deutschland-West, und einer der Kameraden (so heißen die Kollegen beim Militär, wenn sie einem gleichgestellt und nicht vorgesetzt sind) nahm eine Musikkassette auf, da er annahm, Weiß wie Schnee, das Ambros-Album, könne mir gefallen. Die Drogenanspielung des Albumtitels verstand ich nicht, und bis heute ist sie mir unwichtig. Die Hilfsmittel können in der Kunst eine Rolle spielen, doch die Kunst schaffen nicht sie. Erst helfen, später schaden sie. Kaputt und munter ist ein vorzüglicher Zustand, ich mag ihn empfehlen nach wenig Schlaf und antidepressiver Wirkung. Den Song stelle ich oben ein. Doch das komplette Album zählt. Mit sieben- oder achtundzwanzig Jahren war Ambros dort angekommen, wohin er gemocht haben mag: auf einem persönlichen Gipfel, zugig, kalt, hilfsbedürftig, allein. Rundherum weitere Gipfel. Später der Abstieg.
Angstkongreß
Ich bin noch nicht frei, aber ich werde es. Eine gewisse Kurzatmigkeit kennzeichnete die vergangenen Jahre, bedingt durch den immensen Druckaufbau, den wir zu gewärtigen hatten und haben. Aus der politischen Sphäre fließt Gift in die Gewässer, ein jeder bekommt seine Dosis, auch an Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Resignation. Das Vergiftete kennzeichnet die Debatten und Diskurse. Manche schauen sich erst zweimal um, ehe sie zu sprechen beginnen. Das wirkt beklemmend. Ich versuche nicht, solche Bedrängnis zu ignorieren, bin vielmehr bemüht, sie als das zu erkennen, was sie ist: ein Resultat von Herrschaft durch Angst. Bemerkenswert ist, daß beide Seiten im Gesellschaftsstreit von ihr beherrscht sind und zugleich mit ihr zu herrschen trachten. Nun könnten sie doch Herkunft, Namen und Größe ihre Ängste vergleichen auf einem Großen Angstkongreß mit korrespondierenden Selbsthilfegruppen und bereitgestellten Therapieangeboten. So etwas können, Geld dafür haben wir in Hülle und Fülle. Jeder Text sollte ein Befreiungsversuch sein.