Totenkult 10

Der Tod konturiert das Leben, er schärft den Sinn fürs Lebendigsein. Einst werde ich nicht mehr sein. Was folgt daraus für das Jetzt und diesen, warum nicht diesen? Augenblick. Was ergäbe sich aus dem Gegenteil: der fahrlässig in Aussicht gestellten physischen Unsterblichkeit. Daß wir wie Kinder alles wollen und daß das Spielen niemals ende, versteht sich. Ach, wir wurden immer zu früh heimgerufen. Abendbrot und Bettgehzeit, tägliches Enden und Verdammnis der schlimmen Träume, zuvor das den Schlaf-nicht-finden-Können. Ich warf meinen Kopf auf dem Kopfkissen hin und her, jagte durch heftige Bildern der Ehre und des Schreckens. Ich will nicht ins Bett, ich will fröhlich sein! Wir sind die Kinder des Lebens und dürfen spielen, nur nicht endlos. Dunkler Ernst jenseits der Linie.

Totenkult 10

Wissende Winde

Unaufhörlich und seit Tagen geht der Wind, er rauscht in den Bäumen, treibt die Wolken wie Herden über den großen Himmel. In unserem Alter, sagte die Bäckererverkäuferin, reagiert man stärker als früher auf das Wetter. Das ist vielleicht gar nicht schlecht, antwortete ich, so erleben wir es intensiver. Sie hielt kurz inne, lächelte dann. Diese Wochen sind eine Rückführung in die Wind-und-Wetter-Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend. Es war ein stetes Bangen darum, ob wir einen richtigen Sommer bekommen dürften, oder erneut einen derart verregneten wie die meisten Jahre zuvor. Ende Juni, das lernte ich allmählich, entscheidet sich das Schicksal des Sommers. Hat sich bis dahin nicht ein Hochdruckgebiet über Mitteleuropa aufgebaut und stabilisiert, wird es wechselhaft, regnerisch, unfreundlich. Spreche ich über das Wetter, spreche ich über mich selbst. Es geht windig hin und her, auf und ab. Das Leben ist kein Wunschkonzert, auf die Euphorien folgen die Mühen der Ebene. Immerhin gedachte ich in der Nacht auf Pfingsten der Toten.

Wissende Winde

Totenkult 9

Man hat endlich lange Zeit, um dies und das zu tun. Das heißt: man kann darauf verzichten. Das heißt: man hat noch Zeit. Wieviel Zeit hat man denn? Niemand weiß es. Morgen schon könnten wir tot sein, es lebe das Leben! skandierte der französisch-belgische Schriftsteller und erschreckte damit seine deutschen Kollegen, die über solche Dinge noch nicht nachgedacht hatten oder nicht im Augenblick waren. Leben ist ein Fest, das macht den Tod besonders.

Totenkult 9

Totenkult 8

Selbstverständlich gehe ich gern auf Friedhöfe. Wo sonst wäre man ungestört. Katzen streunen herum, Dachse graben sich ein. Lauschige Stille. Efeu rankt, die Vöglein singen, ein Garten des Todes, gewidmet dem Leben. Nun endlich doch, ein guter Ort, ein Paradies. Feingeister stellen sich ein, lesen dort oder wandeln, nachdenklich, sinnend. Wer Tiefe sucht, findet sie an den Stätten des verblichenen Lebens. Nichts ist kostbarer als das Genommene. Tränen.

Totenkult 8

Totenkult 7

Daß wir in einem Zeitalter der Lebensverachtung und der Lebensverkennung leben, weiß ich, seit ich fünfzehn bin. Mittlerweile bin ich sechzig Jahre alt, das ist ganz schön viel Zeit. Da sie nicht leben können, können sie auch nicht sterben. So formulierte ich es ins Tagebuch. Mich dauern meine Zeit- und Artgenossen, und ich selbst bin kaum anders als sie, also bedauere ich mich selbst. Selbstmitleid ist eine warme Badewanne, in die man sich legt und aus der man sich später wieder erhebt, bevor man auf die Idee kommt, mit dem Rasiermesser den Schnitt vorzunehmen, zur Entlastung aller.

Totenkult 7

Totenkult 6

Wer den Tod nicht versteht, wird das Leben verfehlen. Die Endlichkeit des individuellen Lebens sendet die Impulse. Tu es jetzt. Daß wir anfangs fühlten, wir lebten ewig, ist gar nicht falsch. Irdisch und ewig beißen sich aus. Ich bin gespannt auf das Danach, werde ich gestorben sein. Todesangst wird mir gegeben sein. Ich war schon mehrfach tot. Ich fürchte mich nicht, sage ich, obgleich ich mich fürchten werde. Es wird ein Bibbern sein, verbunden mit letzten Versuchen, es den anderen leicht zu machen. Darüber dachte ich vorhin (Sonnabend) nach: daß ich jeweils versuche, es den anderen leichter zu machen. Nicht deshalb, weil ich ihnen das Schwere nehmen möchte, sondern weil es selbstverständlich ist, andere nicht unnötig zu belasten. Nur beim Tod funktioniert das nicht.

Totenkult 6

Totenkult 5

Mir ist deutlich geworden, während ich die Friedhofsbilder (Zentralfriedhof Wien) zeigte, daß man das Leben eines Menschen von seinem Ende her denken muß. Wie werde ich gestorben und bestattet worden sein. Wie werde ich gelebt haben, nachdem ich zu leben mich bemüht zu haben scheine, manchmal so, manchmal anders. Wenn Grabmale Denkmäler sind (was ich empfinde), dann können wir Kraft aus unserem künftigen Grabmal ziehen. Klingt das verwegen? Es gibt aber welche, die denken, sie seien prinzipiell nichts. Geben sich so, als seien sie froh, wenn es vorbei ist mit sinnloser Mühe. Allerdings leben und handeln sie nicht so. Ihr Körper weiß mehr, wenn es schon der Geist nicht tut.

Totenkult 5