Holen

Der Mondwald geht mir nicht aus dem Kopf. Die Eulenvögel hatten mich bereits als Kind gerufen. Sie wollten mich aus dem Bett zerren und zu sich holen. Sie erschienen jede Nacht auf dem heruntergezogenen Rollo, das wie eine Leinwand war, die man von hinten betrachtet. Auf ihr wanderten die Schatten der Äste und Zweige des Kirschbaumes vor meinem Fenster. Die Scheinwerfer der Autos, die die Dorfstraße hinunterfuhren, projizierten sie darauf. Ich mußte den Atem anhalten, damit die nächtlichen Jäger mich in meinem Versteck liegen ließen.

Man schläft nicht ein, wenn man sich fürchtet. Alle Kinder fürchten sich des Nachts. Auch Erwachsene fürchten sich, nicht nur des Nachts. Wir sind in dieser Welt nicht sicher. Das wissen wir sehr genau. Wir wissen auch, daß wir uns hierzulande und derzeit ungewöhnlich sicher befinden – und fügen schleunigst ein „noch“ hinzu. Um nicht herbeizurufen, was bereits um die Häuser, die Städte und Dörfer, um ganze Landschaften weht: daß es so nicht weiter geht. Da achtet man auf jedes Wort, als seien diese mit einem Mal machtvoll, ja magisch.

Das ist eine gute Zeit, denn wir kommen allmählich aus unserer Deckung. Den Atem anzuhalten, damit die Bösen einen nicht finden, hilft nicht. Ich als Kind bin Zeuge: Sie kamen jede Nacht wieder. Warum sie mich verschonten, weiß ich mittlerweile. Es war nur ein Bild, eine Vorstellung, eine negative Vision. In Wirklichkeit waren es Automobile, die mit ihren Scheinwerfern an unserem Kirschbaum im Garten vorüberfuhren, der Schatten auf das Rollo warf, das vor mein Fenster gespannt war, damit ich besser schlafen konnte.

Wir erzeugen die Bedrohung, da wir sie brauchen.


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