Wenn man von sich selbst genug hat – was tun? Eigentlich eine Zumutung, ein ganzes Leben lang „ich“ zu sein. Seltsam, daß die Menschen über dieses Problem wenig sprechen. Spreche ich es an, nicken meine Freunde und Bekannten. Sie kennen es. Da liegt offenbar ein Identifikationszwang vor. Selbst wenn ich mich nicht mit mir identifizieren möchte, muß ich es tun. „Ich“ ist auf den ersten Blick nur der Repräsentant. Doch „ich“ hafte für „meine“ Taten, Worte, Gedanken und Gefühle. „Ich“ muß wie ein Herrscher in Schach halten und führen, Chef im eigenen Haus sein und bleiben, Regent der widerstrebenden Kräfte und Gewalten in mir. Das setzt voraus, daß „ich“ existiert. Und tatsächlich halte ich sie ja in Schach, die Sturmtruppen meiner heftigen Gefühle und die Pfeilschützen meiner Sprachabteilung und die finsteren Reiter meiner allumfassenden Verneinung. Ich verbiete der Faust den Schlag und dem Fuß den Tritt. Ich bin friedlich wie ein Lamm. Ich bin es wirklich – dank dieser Kontrolle. Ich regiere mich. Interessant sind jene Situationen, in denen etwas hinausschießen möchte aus dem Burgwall meiner Existenz. Noch interessanter, wenn ich diesem Impuls nachgebe und nicht mehr friedlich bin. Wie das auf Beifall stößt. Als erwarteten einige genau dies. Sie sagen es sogar. Ich bin jedoch der Meinung, daß sie sich das nicht wünschen sollten. Ich schätze den Frieden sehr. Ich strebe meine eigene allumfassende Bejahung an und bin auf gutem Weg. Das ist ein hartes Stück Arbeit. Vermutlich verende ich auf halbem Weg. Und trotzdem. Die anderen zu kritisieren – wie billig. Meinungen zu haben, es besser zu wissen, zu verbessern … Es ist doch angenehmer und schöpferischer, neugierig Stück für Stück einen Weg zu verfolgen, Schritte und Worte zu setzen und die Wesen zu bestaunen, die man da mit sich führt, und zu hören, was sie zu sagen haben. Nicht nur in mir sind viele Stimmen, sicher auch in dir. Die trauen sich aber nicht hinaus, wenn dauernd geschossen wird. Die Menschen schlagen auf das „Ich“ ein, das ihnen gegegenüber sitzt. Doch ist dieses bekämpfte Ich nichts weiter als eine Zusammensetzung, eine hübsche Ansammlung von vielerlei. So etwas kann man doch wissen, nicht? Ich möchte achtgeben, daß mein „Ich“ mich nicht dümmer macht als ich bin. Zur Not habe ich überhaupt nichts zu vertreten, vor allem nicht mich selbst. Allerdings wird das erwartet. Und also stottere ich mich routiniert durch den Selbstlegitimierungsdialekt, den wir alle gelernt haben. Gib ihnen Gründe, und sie sind satt und zufrieden. Ich schreibe das mit aller Vorsicht und werde das Thema nicht aus den Augen lassen.
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