Seit ich fünfzehn bin, frage ich mich, warum Bier so gut schmeckt. Nehme ich einen Schluck, ist mir fast augenblicklich wohler. Es ist frisch und herb. Ein wenig prickelnd, doch nicht zu sehr. Vollmundig, ohne satt zu machen. Auf elegante Weise bitter. Ein Getränk für durstige und zufriedene Menschen, die etwas getan haben. Es schmeckt nicht wie Medizin, es schüttelt einen nicht. Der Genuß braucht nicht bereut zu werden. Die alkoholische Wirkung läßt sich jederzeit kontrollieren. Man wird nicht zum Seemann oder erst sehr, sehr spät. Bier beruhigt und sorgt dafür, daß die Dinge ihren angemessenen Stellenwert erhalten. Bier verbindet mit dem Land, mit Getreidefeldern und einem sonnigen Himmel. Bier macht stark. Hopfen beruhigt. Manche werden freilich auf der Stelle müde.
Wer sich mit Bier wegschießt … was soll man sagen? Warum sich überhaupt wegschießen? Selbstbestrafung, Selbsthaß, Versuch sich loszuwerden. Solches wird man kaum mit dem Genuß von Bier verbinden. Biertrinker gelten als umgängliche und gemütliche Leute. Die Schnäpse aber gießen Öl ins glimmende Feuer der Wut. Da spritzt die Flamme hoch, da röhrt der Hirsch, da tobt das Blut. Ich erinnere mich an legendäre Prügelszenen auf Erntefesten in meinem Heimatdorf hinter den sieben Bergen. Nasenbeinbruch, Stichwunden, Zähne ausgeschlagen, mit dem Kopf aufgeschlagen, Würgemale am Hals, Bißspuren an Wangen und Ohren. Polizeieinsatz, wenn die vernünftigen Nüchternen nicht mehr schlichten konnten. Da platzte gut gemästeter Haß aus dem Futter. Sie fielen übereinander her wie Urzeitmenschen. Rivalisierende Familien, alte Fehden. Anschließend grüßten sich die Streithähne nicht. Vorher hatten sie es allerdings auch nicht getan.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.