Jetzt fehlt nur noch Gelassenheit (Nachruf)

Kürzlich als Leseprobe wahrgenommen: Gelassenheit von Wilhelm Schmid. Untertitel: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Davor erschien Dem Leben Sinn geben, davor Unglücklich sein, davor Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt, davor Die Liebe neu erfinden usw. Jahr für Jahr ein Buch zur Lebenskunst, die Schmid Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre als philosophischen Claim entdeckte und neu erschloß. Fragen nach dem richtigen Leben wurden damals nur in Esoterikkreisen beantwortet und in Predigten, die seriöse akademische Philosophie hielt sich woanders auf. Vielleicht hatte sie den Menschen vergessen.

Da ich nun ebenfalls älter werde, habe ich ein paar Seiten gelesen und war augenblicklich gelangweilt. Nicht weil Sätze wie diese falsch sind: „Gelassenheit zu gewinnen ist vielleicht überhaupt erst im Laufe des Älterwerdens möglich: Es fällt leichter, gelassen zu werden, wenn nicht mehr alles auf dem Spiel steht und die Hormone sich etwas beruhigt haben, der Schatz der Erfahrungen größer, der Blick weiter, die Einschätzung von Menschen und Dingen treffsicherer geworden sind.“ Sondern weil sie lahmen, etwa so wie Sätze aus einem Buch von Altkanzler Helmut Schmidt, wenn er beispielsweise langatmig und bieder von seiner Marc-Aurel-Lektüre als Jugendlicher berichtet. Sätze wie eine gemütliche Dampferfahrt auf der Spree. Hier eine Sehenswürdigkeit, dort eine Anekdote, dazu Kaffee und Kuchen.

Ich lernte Schmid kennen (Anekdote), da verteidigte er das radikale Denken als etwas Gefährliches. Nun scheint die angestrebte Lebenskunst (einschließlich Gelassenheit) ihn auf Konsenskurs geführt zu haben. Das erzeugt nickende Zustimmung der ergrauenden Leserschaft, die sich unter seiner Führung auf eine gemütliche Dampferfahrt des Denkens eingelassen hat, bei der man einiges lernt und dann wieder vergißt. Das liegt in der Natur der Führung. Ein, zwei Gedanken mögen haften bleiben, der Rest funktioniert für den Augenblick als Bild plus Info. Beifall, Dank, Schluß. Die Horde hat Hunger, wo ist das nächste Restaurant?

Ich habe nichts gegen Gemütlichkeit und nichts gegen Gelassenheit, aber mir mißfällt dieses selbstgefällig Biedere solcher Sätze. Jeder weiß, daß man sich nicht fünf Jahrzehnte nacheinander aufregen kann. Jeder weiß, daß ein Drama zeitgebunden ist. Jeder weiß, daß die zweite Lebenshälfte kürzer empfunden wird als die erste. Jeder weiß, daß Jungsein anstrengend und Altsein demütigend sein kann. Jeder weiß, daß man das Eine verliert und das Andere gewinnt. Aber wo blutet die Wunde, wo steckt der Pfeil? Ich sollte das ganze Buch lesen. Doch die ersten fünfzehn Seiten habe ich bereits gelesen und bin ratlos.

Warum verbiedern hierzulande die Köpfe und Menschen? Liegt das an Wohlstand und Sicherheit, produzieren sie Feigheit und Konformismus? Liegt es am Älterwerden nebst Gelassenheit und gelingender Liebe, an der positiven Sinngebung? Muß man eines Tages kapitulieren und sich endgültig einfügen in die bürgerlichen Selbstbestätigungsrituale? Helmut Schmidt gilt hierzulande als weiser Mann, das darf man nicht vergessen. Man hält ihn für einen Denker und liest ihn so. Das schadet nichts und nützt auch nicht, es ist egal. Mir ist nicht egal, was aus einem klugen Kopf wird, dem ich einmal gern zugehört habe.


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