Dosenfutter

Morgens in den U-Bahnen ist es schrecklich. Wir stehen dort eng an eng und fühlen uns schlecht, ausgeliefert und mißbraucht. In den Ferien sei die Stadt leerer, hieß es vor kurzem. Nicht morgens um acht, wenn das Büropersonal und die Leute vom Verkauf ‚mit den Öffentlichen‘ zur Arbeit fahren. Mich schützt kein Kopfhörer (ich würde wahnsinnig darunter), ich wische oder tippe nicht auf einem Smartphone herum. Welche Musik, welches Radioprogramm kann man denn auf nüchternen Magen oder auf Müsli oder Frühstücksei ertragen? Solche Sachen sind doch noch gar nicht geschrieben oder eingespielt worden. Wir existieren doch gar nicht morgens um sieben oder acht. Ich jedenfalls nicht. Stattdessen stehe ich zwischen Kleidungsstücken, Haut und Gerüchen und sehe, was ich sehe: Mißmut, Sorge, Verzweiflung, Angst, Ärger, Scheu, Verdrießlichkeit, Erschöpfung, Qual, Ekel, Hilflosigkeit, Streß. Masken von Klein- und ein wenig Bildungsbürgerlichkeit, die dauernd verrutschen. Manche sind stoisch, sie ertragen. Andere verziehen die Brauen, aus manchen springt fast schon der Haß. Nicht gegen einen bestimmten Einzelnen, der sich nicht beträgt, sondern gegen die ganze Situation. Morgens um sieben oder acht in der U-Bahn gibt es keine Schönheit. Es gibt die ganze Häßlichkeit einer Wahrheit, die darin besteht, daß Menschen etwas tun müssen, was sie nicht wollen. Diejenigen, die hinausdürfen, eilen die Treppen hinauf ihrem Ziel zu: der Arbeitsstelle. Es gab eine Zeit, da stellte ich mir zu den Leuten, die ich sah, die morgendlichen Heimarbeiten vor: rasieren, schminken usw. Ich muß wahnsinnig gewesen sein. Das kann ich mir nicht mehr leisten. Zweimal hintereinander platzten letzter Tage zwei gut gelaunte, aber nicht begabte Musiker in den vollbesetzten Waggon und spielten und sangen jedesmal Stumblin‘ In, anno sonstwann eingespielt von Suzie Quatro und Chris Norman (bis heute Repertoire aller Kaschemmen mit Jukebox und namentlich bekannten Stammgästen). Zwei Morgenfahrten Stumblin‘ In. Bei jeder folgenden Station wieder Stumblin‘ In, denn sie ziehen von Waggon zu Waggon, immer derselbe Song, Stumblin‘ In. Er hallt durch die unterirdischen Hallen wie ein schräger Kommentar zu ihrem völlig vorhersehbaren Tun. Morgen werde ich ihnen den Weg versperren (sie steigen immer in der Mitte ein) und uns alle freikaufen. Oder ich ändere meine Haltung und warte auf sie, um mitzusingen, laut und falsch. Stumblin‘ In. Ich kann ohne diesen Song nicht leben, er beschreibt das Leben morgens um sieben oder acht, wenn die Rasierwunde aufgehört hat zu bluten und die Schminke noch sitzt und die Billig- und Mittelklassedüfte aufeinander einstechen, bis der erste in Ohnmacht fällt und jemand spastische Verrenkungen vollführt und Schaum vor dem Mund hat. Damit macht man keine Späße? Genau.


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