Nicht allein die Temperaturen, auch die Nachrichten lähmen, zuletzt die über Zustände auf der griechischen Insel Kos, wo einige Tausend Flüchtlinge festsitzen und die Situation eskaliert, sofern Eskalation und Situation nicht ein und dasselbe sind. Der Bürgermeister des Ortes gleichen Namens hat vor einem Blutvergießen gewarnt. Die Flüchtlingsgruppen attackieren sich, die Polizei schlägt zu. Es gibt ein kleines Stadion, in dem die meisten provisorisch untergebracht sind. Einiges Filmmaterial ist zu uns gelangt. Nun wird eine Fähre geschickt, um die Insel zu entlasten.
Jeder erkennt, daß Wörter wie Weltfriedensordnung sinnlos werden, wenn Menschen millionenfach fliehen, da sie sonst massakriert oder schikaniert werden oder sich und ihre Familien nicht mehr ernähren können. Hinzu kommen jene, die hierzulande abwertend Wirtschaftsflüchtlinge genannt werden, wahlweise Scheinasylanten oder Asylbetrüger. Dabei ist auch das Kapitalismus: die Menschen gehen dorthin, wo es Arbeit und Wohlstand gibt. Das Geld geht dorthin, wo es Rendite einbringt. Die Produktion geht dorthin, wo die Arbeitskräfte billig sind. Nachhaltig ist nichts davon, die halbe Welt ist in Aufruhr. Wir leben in der Zeit der neuen Völkerwanderung.
Unbewaffnete Heerscharen sind unterwegs und hoffen auf Gnade, alte Horrorszenarien der siebziger und achtziger Jahre werden Wirklichkeit. Kluge Köpfe warnten die westlichen Industrienationen davor, eine rücksichtslose Handelspolitik auf Kosten der armen Länder zu betreiben. Fairen Handel forderten die Aktivisten und bemängelten eine Entwicklungshilfe, die der Investorenlogik folgt. Seitdem ist viel geschehen. Glaubenskrieger sind erstanden, ausgedehnte Landstriche jenseits einer nachvollziehbaren Ordnung, Stämme und Volksgruppen bekriegen sich bis auf das Blut, Ausdehnung und Vernichtung ist das Ziel politisch-militärischer Stärke.
Staatsgrenzen fallen wie Weidezäune, wenn die Herde durchgeht. Das Recht des Stärkeren reicht zur Legitimation. Die Arroganz der Bewaffneten ist unermeßlich. Bestialitäten werden freihaus geliefert, als Bild- und Videomaterial über die bekannten Kanäle. Die Zivilisten fliehen. Rußland wird das Korsett zu eng, China erreicht statt der erwarteten sieben nur sechs Prozent Wirtschaftswachstum, das beunruhigt zusätzlich. Da China als Schwellenland (zugleich zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt) ökonomisch nicht gesättigt ist und dem westlichen Lebensstandard hinterherläuft, sind diese schwachen Werte ein weiteres Alarmsignal. Griechenland hangelt sich von Vereinbarung zu Vereinbarung, um nicht pleite zu gehen. Jetzt auch noch diese Sache mit den Flüchtlingen auf der Insel mit den malerischen Sandstränden. Erst Lampedusa, nun Kos, von den anderen Inseln und Küsten nicht erst zu sprechen.
Eine völlig neue Ordnung bereitet sich vor. Zu ihrer Entwicklung werden Jahrzehnte, vermutlich Jahrhunderte benötigt werden. Auch Bayern wird sich verändern. Das Bollwerk der Alpen hat das Denken dort dazu verleitet, sich auf alle Zeit geschützt zu sehen. Der Ministerpräsident befindet sich nicht auf der Höhe des Problems. Er sollte auf die Zugspitze klettern und Ausschau halten in alle Himmelsrichtungen. Stößt sein Blick südwärts auf weitere Gipfel, die ihm die Sicht versperren, sollte er sich vorstellen, er stünde auf einem von ihnen. Er könnte dann erkennen, daß etwas in Bewegung geraten ist, aus dem Bayern sich nicht wird heraushalten können.
Sachsen rotiert, offenbar der aggressivste Raum kleindeutscher Selbstbehauptung, und tatsächlich gegen alles und jeden. Dort distanziert man sich von Zumutungen einer Teilhabe am gesamtdeutschen und europäischen Politikverbund und gründet bürgerwehrähnliche Protest- und Kampfverbände, um es denen da oben, da hinten und da unten zu zeigen. Der Mittelstand verbündet sich mit Spießgesellen des neuen Nationalismus, um Dresden oder Freital so zu erhalten, wie es eben erst mit Hilfe der anderen Bundesländer und europäischer Strukturfonds geschaffen wurde.
Die Politik (hilflose Vermenschlichung) sieht sich nicht in der Lage, den Menschen die aktuelle Lage zu erklären und Konzepte aufzuzeigen. Man darf unterstellen, daß sie der Situation, die auch hierzulande eskalieren kann, hinterherläuft. Die besten Nachrichten kommen von den hilfsbereiten Menschen, die sich einsetzen und dort einspringen oder helfen, wo es den offiziellen Stellen nicht gelingt, die vielen Flüchtlinge ausreichend zu versorgen. Wer behauptet auch, es kämen Feinde zu uns? Das ist Unsinn. Sie fliehen genau vor dem, wovor auch wir fliehen würden.
Das klingt nun fast wie ein Kommentar auf Seite 2 oder 3 einer Tageszeitung. Ich habe das nicht beabsichtigt, bin lediglich der Spur meiner partiellen Lähmung gefolgt, um sie aufzulösen. Ich schäme mich sonst, über Wespen zu schreiben.
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