Nächste Wespe, Nacht und Licht

Befinde mich in einer eigenartigen Lage – hier im Raum kreiste soeben eine zweite Wespe. Sie flog unter den Schirm der Stehlampe und warf sich ins Licht der Energiesparbirne, prallte gegen deren Ummantelung, wieder und wieder, sauste dann innerhalb des Lampenschirmzylinders auf und ab und kreuz und quer im unkoordinierten Irrflug einer Geblendeten und Verblendeten. Ich holte ein Trinkglas und eine Postkarte, um sie zu fangen und in den Hausflur zu tragen. Dort hätte sie sicher eine gute Nacht. Doch sie ließ sich nicht fangen. Ich habe die Stehlampe gelöscht, um sie zu beruhigen. Nun ist sie seit einigen Minuten nicht mehr zu hören oder zu sehen. Es ist dunkel, die einzigen Lichtquellen sind die Schreibtischlampe, der Bildschirm und die Kerze mit der schwimmenden Wespe von gestern nacht. Sind Wespen wesensgemäß nachts unterwegs? Die erste war es, die andere ist es noch. Wespen sind Jägerinnen. Ich beobachtete eine beim Frühstück vor vielen Jahren. Sie schnitt mit ihren Eßzangen ein Stück aus einer Scheibe gekochten Schinkens. Das Stück, das sie rauben wollte, war etwa ein Quadratzentimeter groß. So groß, daß sie es gerade noch fliegend tragen konnte. Ihr konzentriertes Tun erinnerte mich an Arbeiten mit dem Schneidbrenner, wenn man durch Metall hindurch muß. Wespen sind Namenlose, sie sind nicht auf diese durchschaubare Weise nützlich und gut wie beispielsweise Bienen. Sie sind anders gut, sie sind Schufte. Die zweite Wespe schläft nun friedlich im Dunkel des Lampenschirms, stelle ich mir vor. Ich höre sie nämlich nicht.


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