Ein eigenartiger und erstaunlicher Anblick: Die Wespe treibt bewegungslos am Rande des Beckens, ein Fühler liegt, als halte sie sich wie eine Schlafende die Augen zu oder stütze ihren müden Kopf, die Flügel von sich gestreckt, sie ist völlig eingetaucht. Das Becken besteht aus dem heißen und flüssigen Wachs einer cremeweißen Stumpenkerze mit einem Durchmesser von acht Zentimetern, in die sie sich gestern stürzte, als ich einen alten Spielfilm sah. Da das Wachs sich nach dem Entzünden erst langsam erhitzt und verflüssigt, hat sich der eingeschlossene Leichnam gedreht. Eben näherte er sich dem Docht. Mit einer kurzen Drehung des Stumpens habe ich sie retten können, sie trieb zentrifugal. Nun befindet sie sich am harten und kälteren Wachsrand in der beschriebenen Lage. Mir ist, als hätte ich gestern einem Verbrechen zugesehen oder sei Zeuge eines entsetzlichen Unglücks gewesen. Ich könnte sie aus dem heißen Wachs ziehen und zu dem Abfall werfen, doch ist sie zu meiner einzigen Inspirationsquelle geworden in diesen Tagen äußerster Hitze und lastender Gedankenlosigkeit.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.