Geradeaus durch das Leben der anderen

Zu Fuß durch Berlin, das kenne ich. Zu Fuß durch Varanasi ging Kees Colijn und hielt sich die Kamera vor die Brust oder den Bauch. Immer der Straße nach. Es wird gehupt, was das Zeug hält. Erst sieht es aus, als folge er einer Frau, doch dann ist sie fort, abgebogen, während er geradeaus läuft. Die Straße menschenvoll. Geschäfte und Stände links und rechts. Fahrräder, Rikschas, Mofas, Mopeds, Roller, Kabinenroller, Motorräder. Elektroleitungen kreuz und quer. Einmal folgt er einem Hund, doch der will dann woanders hin. Kühe stehen vor den Häusern, schlagen rhythmisch mit den Schwanzquasten. Eine kommt aus einem Torweg gelaufen, kennt ihren Weg. Nach sechs Minuten steht da endlich auch eine Ziege und macht sich an einem silbernen SUV zu schaffen. Sie trägt langes weißes Barthaar und bewegt sich inmitten des brausenden und hupenden Verkehrs mit der Selbstverständlichkeit einer Einheimischen. In einer schmalen Gasse wird es mit einem Schlag ruhig. Ein Hund döst, eine Frau bügelt mit einem mächtigen Bügeleisen auf dem großen Bügeltisch, der die Breite der Hauses einnimmt. Neben ihr sitzt ein Mann und kaut.

Ich werde Colijn folgen und seinen Weg durch Varanasi gehen, wo ich noch nicht war. Jeder kann das tun. Er hat einen YouTube-Channel eingerichtet. Mehr als hundert Fußweg-Filme hat er erstellt. Walking in Amsterdam, in Beijing, in Ho Chi Minh City (Saigon), in Hong Kong … Er ist Photograph und Videokünstler und nennt das Slow Television. Alles scheint eine Überschrift zu brauchen. Colijns Filme erinnern an Die schönsten Bahnstrecken Europas. Starre Kamera im Führerhaus der Lok, Endlosfilme, die nachts im TV liefen. Man fuhr mit. Das gab es auch für Autofahrten. Quer durch Deutschland, wenn es regnete, ging der Scheibenwischer an. Aber zu Fuß ist alles besser. Die kleinen, sprechenden Wege. Körper, Gesichter und Bewegungen, Stimmen und Geräusche, zerbrochene Gehwegplatten, zusammengefegter Unrat, Haustiere, technisches Gerät, alles ganz nah. Doch die Kamera ist gleichgültig geradeaus. Kees Colijn schreibt, er zeige das alltägliche Leben der Menschen. Das stimmt nun allerdings nicht, denn er läuft daran vorbei.


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