Den Menschen herausschlagen aus der Abhängigkeit seiner Schuld

Ich las vor kurzem, Friedrich Nietzsche sei zu seiner Zeit vermutlich der einzige gewesen, dem noch nicht aufgefallen war, daß Gott tot ist. Er verkündete es wie eine Neuigkeit und knüpfte daran seine Überlegungen über die Zukunft des Menschen. Es waren die Jahrzehnte der großen Industrialisierung, eines gigantischen Wirtschaftswachstums und eines ungestüm vordrängenden Materialismus. Die Krise, die der Tod Gottes anzeigte, war die Krise eines Kulturkreises, der sein Höchstes aus den Augen verloren hatte. An Glaubensersatz sollte fortan kein Mangel herrschen. Nation, Klasse, Rasse und Menschheit wurden auf die Altäre gewuchtet und der Anbetung wert befunden. Nietzsche dagegen wollte im großen Einzelnen das Ziel menschlichen Wirkens erkennen. Cesare Borgia und Napoleon Bonaparte hatten es ihm angetan. Auch an dem jüdischen Wanderprediger Jesus von Nazareth erkannte er die Hoheitszeichen vornehmen Wesens, dem Christentum aber warf er vor, eine Lehre des Ressentiments gegen das Hohe, Vornehme und Starke zu predigen und eine ruinöse Sklavenmoral zu befördert zu haben.

Bis heute geht von Nietzsche eine große Anziehungskraft aus. Nietzsche zu lesen heißt, sich unter Strom setzen zu lassen. Seine Radikalität ist beispiellos. Jemand nimmt keinerlei Rücksicht mehr. „Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends Halt“. Eine Philosophie permanenter Selbstüberbietung hebt an. Zarteste Empfindungen wechseln ab mit verbaler Kraftmeierei. Zwölf Jahre vor seinem physischen Tod stürzt er sich in den Wahnsinn wie an ein rettendes Ufer. Es hat seinen Kopf zerlegt, dazu bedurfte es nicht der progressiven Paralyse, die dafür verantwortlich gemacht wird. Er wollte die geistige Geschichte der Welt in zwei Hälften schießen, den leidenden und zweifelnden Menschen mit seiner irdischen Existenz versöhnen und ihm das schlechte Gewissen nehmen. Außerordentliche Vorhaben, Züge des Größenwahns, jedenfalls erheblicher Selbstüberschätzung. Andererseits: das Experiment solchen Denkens mußte gemacht werden, da es unternommen werden konnte. Die Zeit war reif für einen Abräumer, denn das meiste, was auf dem Tisch stand, war lediglich noch Dekor.

Viele fürchten Nietzsche noch heute, scheuen sich, einen Blick in eins seiner unordentlichen Werke zu tun. Fürchten sich, als könne man sich eine ansteckende Krankheit zuziehen und wäre fortan gebrandmarkt als Außenseiter oder Ausgestoßener. Lieber bei den alten Glaubenssätzen verweilen, ein bißchen von allem als Wunschgericht zu sich nehmen, für das unbestritten Gute eintreten, ein wenig an sich, ein wenig an die Menschheit glauben, die bohrenden und brennenden Fragen dieses gescheiterten Philosophen gar nicht erst an sich heranlassen. Vermutlich ist das richtig, denn den Herausforderungen, denen man sich stellt, und den Gefahren, denen man sich aussetzt, sollte man potentiell gewachsen sein. Nietzsche ist eine Art Abgrund, der Leser muß schwindelfrei sein. Er ist nichts für Ängstliche, allerdings auch nichts für Naive. Nicht gefährdet sind dagegen jene, die ihn von vornherein ablehnen oder nach kurzer Lektüre als widerwärtig empfinden und aus der Hand legen. Ich selbst bin nicht mehr so fasziniert wie früher. Ich bin ja auch nicht mehr jung. Aber eigenartigerweise ist er mir noch immer sympathisch. Ich bewundere seinen Mut, der ganz sicher ein Mut der Verzweiflung war. Ich verstehe sein Denken als radikales Antworten auf die unerhörte Tatsache des leeren Throns. Man kann allerdings auch mit den Achseln zucken und weitermachen.


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