Als geschähe es dir oder mir

In einem entscheidenden Punkt bin ich völlig uneins mit Nietzsche, er betrifft das Mitleid. Mitgefühl ist das bessere Wort. Es bewahrt vor Grausamkeit und ist vielleicht das wichtigste Vermögen des Menschen überhaupt, Spiegelneuronen hin oder her. Zerfetzt es jemanden im Film, betrachte ich das nicht kalt und unbeteiligt. Es geschieht, als geschehe es mir. Ich spüre den Schmerz, krümme mich, fühle mit wie ein Kind, das nicht weiß, daß das Geschehen auf dem Bildschirm nicht Wirklichkeit, sondern gespielte und gefilmte Wirklichkeit ist. Ich mußte mir solches Empfinden nicht bewahren, deshalb liegt darin keine Leistung, auch kein Bemühen, es ist schlichtweg da. Ich verabscheue Grausamkeit jeglicher Art. Daß die Filmer meinen, Folterszenen zeigen zu müssen, leuchtet bedingt ein, denn die Folter ist zurück in unserer Zivilisation mit beschränkter Haftung. Daß sie sie aber ausleuchten und feiern, als gelte es, jeder Faser menschlichen Leidempfindens einzeln nachzugehen und die Leibreaktionen detailliert abzubilden, um auf diese Weise Authentizität zu gewährleisten, finde ich pervers. Abstumpfung wird das Ergebnis solcher Bilderziehung sein. Ich erinnere mich noch genau, wie wir uns als Jugendliche brüsteten, die „härteren Filme“ gesehen und überstanden zu haben, als seien sie die wahreren und wir von nun an instruiert. Jeder weiß, daß es Quälerei und Grausamkeit gibt. Was aber soll denn bitte bitte aus uns noch werden, wenn wir nicht einmal mehr mitempfinden? Begegne ich eines fernen Tages Herrn Nietzsche im Sonstwo, werde ich ihn darauf ansprechen. Ich kenne bereits seine Reaktion.


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