Einige standen am Zaun und sahen hinauf zum Mond. Andere hatten ihren Kleinwagen geparkt und sorgten bei geöffneten Türen für die Musik zur Mondschau. Niemand hatte sie gebeten; sie dachten, es paßt. Hinter dem Zaun die leere Weite des ehemaligen Flugfelds. In der Hocke eine Frau mit Kamera und großem Objektiv. Von Zeit zu Zeit mußte sie ihre Haltung ändern, damit ihr die Füße nicht einschlafen. Sie war ausdauernd, schoß die Photos ihres Lebens, geduldig und ohne sich ablenken zu lassen. Denn neben ihr hatte sich niedergelassen der Tageszeitungsverkäufer, den alle kennen und der alle kennt. Er kennt keine Distanzen oder ignoriert sie. „Die Tazöse“ nannten ihn seine schrägen Kumpels, die in der Gruppe standen und dem Mondspektakel nicht genug abgewinnen konnten. Nicht genug wenigstens, um einmal in ihrem Leben die Klappe zu halten. War der Blutmond spektakulär? Nein, er war unheimlich. Ich lief ein Stück entlang des Zauns und gelangte an die Senke, wo der alte Friedhof anschließt, den sie nun auflassen und über den die Flugzeuge im Landeanflug schwebten, damals, als Tempelhof noch beflogen wurde. Dort waren die Zuschauer ruhig, fast ehrfurchtsvoll. Nur eine Kamera gab kund, wann sie Belichtungszeit hatte. Ein Paar vor mir besah sich den roten Mond. Sie rauchten beide und wollten sich dringend noch lieben. Ich sollte sie photographieren, er gab mir das Smartphone, ich drückte ab. Sie dankten und gingen, waren sympathisch. Ich lief zurück zum Haupteingang. Die lauten Lederkuttenleute waren noch da, beschimpften die wenigen Fahrzeuge, die hinter dem Zaun Runden drehten, nahmen Kontakt auf zum Tageszeitungsverkäufer, der mittlerweile die kauernde Photographin belästigte, worauf sich eine Lederkutte zu den beiden gesellte und einen Fahrradfahrer, der abgestiegen war, anlockte, der sie beide kannte, jedoch nicht die Photographin kennen konnte, die nämlich niemand kannte, aber von allen belästigt wurde. Der Tageszeitungsverkäufer lallte freundlich, der harmlose Lederkuttentyp wurde zahm, der abgestiegene Fahrradfahrer kauerte sich nieder. Die Photographin tat ihr Werk, ließ sich nicht stören, blieb gelassen. Sie war die Heldin des Ortes. Am Mondesrund formte sich eine erste Lichtblase oben links, die dann wuchs und zu einer Sichel sich gestaltete, als ich den Heimweg antrat. Sollte die Rede auf diesen Mond in der vergangenen Nacht kommen, werde ich erzählen, was ich erlebt habe. Es steht hier geschrieben. Nicht geschrieben steht, daß es einen ganz kurzen Moment gab, als der seltsame Anblick des fernen und traurigen Mondes mich faßte und schnürte.
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