Nahe dem Nullimpuls

Mit dem Januar beginnt nichts, er ist der vorletzte Monat des Jahres. Im Winter ein neues Jahr zu beginnen, ist eine abendländische Verwegenheit. Im Jahre 153 v.Chr. wurde in Rom eine verhängnisvolle Entscheidung getroffen: in jenem Jahr begannen die römischen Konsuln ihre Amtsgeschäfte bereits am 1. Januar (statt wie üblich am 15. März). Eine Entscheidung, die uns bis heute schwächt und verstört. Die guten Vorsätze aus der Silvesternacht; die törichte Erleichterung, etwas hinter sich gebracht zu haben, es los zu sein; die schönen Hoffnungen, das Neujahrsgefühl – schnell verpufft wie alles, was lediglich Propaganda ist, also willensgesteuerte Widersinnigkeit. Denn es folgen die schwarzen Tage des Januar, unabsehbar weit, sich dehnend im frischen Kalenderjahr wie eine ausweglose Situation, die sich nur selbst beenden kann. Von mir erwarte man bitte gar nichts. Ich bin nicht bereit.

Der Winter gehört nicht an den Anfang des Lebens, wie raffiniert und symbolisch das auch ausgedacht sein mag. Ich habe die Frage gehört: Im März geht sowieso alles leicht, wieso zusätzlich noch das Jahr beginnen? Ich hätte eine Antwort, sie lautet: weil dies den Tatsachen entspricht. Warum gegen das Leben leben, wenn man mit ihm leben kann? Leben ist Aufgehen, Wachsen, Gedeihen, Blühen, Früchtetragen, Verblühen, Sterben. Ich für meinen Teil beginne nicht mit dem Sterben. Die anderen mögen es versuchen. Daß sie es ebenfalls nicht können, ist täglich zu besichtigen. All die Geschlagenen, müde und kaputt, enttäuscht. Sie denken vielleicht, sie müßten. Nein, sie müssen nicht.

Dieser lange Monat der Niedergeschlagenheit und fehlender Kraft (zu einem widersinnigen Beginnen) nimmt sich anders aus, wenn ich ihn dorthin zurückstelle, wohin er dem Ablauf der Jahreszeiten nach gehört: elfter und vorletzter Monat, noch nicht das Ende, doch bald wird es erreicht sein. Abbau und Zurücknahme des Lebens und der Aktivitäten, Reduzierung auf ein Nötigstes, sich zusammenfalten und ruhen, die Ruhe genießen, Kräfte schöpfen für den Neubeginn, wenn das frische Licht uns aufstört und blendet. Kaum mitansehen kann ich die Bemühungen, ausgerechnet jetzt, in dieser dunklen und tiefen Zeit, etwas bewegen oder anstellen zu wollen oder eine Änderung der Lebensverhältnisse zu erreichen. Kaum hat einer seine Hand gehoben, läßt er sie auch schon sinken. Ganz zu Recht. Es geht nämlich nicht und führt auch nicht weit. Die Energie, die einer sich jetzt abquält, kann von niemandem aufgenommen werden.


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