Ausgehen und heimholen

Lebhafte Lust zu schreiben. Und da ich nichts zu schreiben habe, verlasse ich das Haus und unternehme eine mittelgroße Sonntagnachmittagsschneewanderung, die mir gut tut, auch wenn ich nicht darüber schreibe. Doch durch das Schreiben wird sie doppelt schön, denn ich rufe mir die einzelnen Abschnitte der Wanderung wieder auf und erlebe sie ein zweites Mal. Das ist ein Nachschmecken, Bild für Bild.

In der Hasenheide die verschneiten Eichen wie aus einem Gemälde genommen: Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald. Väter zogen Schlitten, Kinder saßen darauf. Eine kleine Gruppe, Mädchen und Jungen, kam vom Rodeln. Zwei große luftgefüllte Schläuche von LKW-Reifen ersetzten ihnen die Schlitten. Den einen stießen sie mit den Füßen vor sich her, den zweiten zogen sie an einem Band. Sie wirkten fröhlich und erschöpft. Die afrikanischen Dealer standen gruppenweise längs der Wege und warteten auf Kundschaft.  Eine Gruppe besteht aus etwa vier bis zehn Leuten, die einzelnen Männer stehen verteilt beidseits des Wegs, hinten im Gebüsch oder sichern zur weiten offenen Fläche und den Zufahrtswegen hin. Man muß durch die Gruppe hindurch, und das erzeugt ein Gefühl von Bedrohtsein, obwohl sie nichts tun. Ob sie sich fragen, wie ihre Präsenz auf die Spaziergänger wirken mag, weiß ich nicht. Ich denke, sie sind so viele, da sie ihr Revier notfalls gegen andere Anbieter verteidigen müssen. Sie unterhalten dort einen unsichtbaren Marktstand, der ist umkämpftes Gebiet.

Ich vergaß diesmal, das Hochlandrind im Tierparkbereich zu besuchen. Die Trampeltiere liefen hin und her, ihnen war kalt. Ein Vater erklärte seinem Sohn, kaum hüfthoch, wie gefährlich das Fahren bei Glatteis und Schnee ist. „Man muß aufpassen, wie man lenkt und wo man hinfährt.“ Der Kleine sagte: „… und wo man hinfällt.“ Mir fiel auf, daß die meisten Menschen paarweise unterwegs sind. Das ist die natürliche Daseinsform des Menschen. Er verbindet sich gern und fühlt sich in Gruppen geborgen. Die Einzelgänger wirkten entweder nachdenklich oder ein wenig verstimmt oder ergrimmt. Die Gesprächsfetzen der Paare, die ich hörte, handelten von Begebenheiten des Alltags. Die Männer meist zuhörend, nachfragend, ratgebend, jedenfalls zurückhaltender. Die Frauen sich aussprechend. Gingen zwei Freundinnen miteinander und sprachen, klang das ungleich munterer und fröhlicher. Wesensarten und Zusammenspiele.

Mein Lieblingsbaum auf dem Flugfeld zieht auch andere an. Nur eine kleine Eiche, rund und gesund, freistehend, vielleicht ein wenig deplaziert. Doch auf diesem Feld wirkt alles falsch angeordnet, nichts gehört natürlicherweise an diese oder jene Stelle. Einzig die Landebahnen liegen richtig und der wuchtige Viertelkreis des versetzt stehenden Flughafengebäudes mit den anschließenden Hangars scheint deren Lage angemessen, denn wenn eine Maschine nicht abheben oder bei der Landung bremsen kann, sollte sie nicht dort hinein knallen. Wir Spazierwanderer waren wandelnde schwarze Punkte auf der weißen Fläche des Feldes. Einige Bauten auf dem Gelände bleiben rätselhaft. Die Cafés im angrenzenden Schillerkiez waren gut besucht. Die Scheiben waren beschlagen. Sie atmeten dort drinnen und sprachen viel und lebhaft. Einige Cafés wirken so schwedisch, dachte ich noch, so protestantisch und sauber, eingerichtet für gute Menschen, die aufeinander aufpassen und nichts Böses denken, sagen oder tun. Aber draußen:


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