Einen Westernroman schreiben! Wer nette Menschen kennenlernen möchte, wird woanders suchen müssen. Denn die Leute in meinem Westernroman werden Getriebene sein. Sie folgen wie Bluthunde ihrer Glücksspur ins Unglück, verdrehen die Augen und sterben. Oben kreisen bereits die Geier, die auch nur ihren Interessen nachgehen und dabei manchen Drecksjob erledigen müssen. Das ist Leben, bevor es sich so eingerichtet hat, daß man die Schweinereien nicht mehr zu sehen bekommt. Ein paar Gute werden herumstrolchen auf meinen Seiten, ein bißchen verloren, ein wenig närrisch, auch rührend. Hilflose Anfänger, dem Mitgefühl überantwortet, einem Schutzengel zugeteilt oder nicht. Manche Schufte werde ich reich und gesund sterben lassen, da irdische Gerechtigkeit eine Fiktion ist, andere werden baumeln müssen, da das Genre die Grausamkeit nicht aussparen darf. Die Schauplätze bereiten mir noch einige Sorge, denn ich lese nicht annähernd so viele Reiseberichte wie Karl May. Eigentlich lese ich gar keine. Ich war auch nur ein einziges Mal in einem Indianerreservat, auf einem Fahrrad, die Hunde verfolgten uns, wir mußten ganz schön strampeln. „Ich habe dir doch gesagt, daß wir da nicht hinkönnen“, rief meine Cousine erzürnt. Mit meinem Cousin und seinen Freunden ging ich am späten Nachmittag in eine schäbige Bar mit Billardtischen. Vor dem Eingang hockten angetrunkene Indianerfrauen. Sie warteten, bis endlich geöffnet wurde. Meine kanadischen Begleiter, gute und ahnungslose Jungs aus halbwegs intakten Familien und durch stabile Vorurteile ausreichend gegen neue Erkenntnisse abgesichert, beteuerten, daß diese „drunken indians“ zu nichts zu gebrauchen seien. Sie lebten von der Wohlfahrt und versöffen die Steuergelder. Die Squaws spielten Billard, wir saßen am Fenster und redeten. Mich traf der Blick einer Billardspielerin, vielleicht weil ich nicht kanadisch aussah, vielleicht aus einem anderen oder gar keinem Grund. Jedenfalls war dieser Blick tausend Jahre alt und ist seitdem in mir.
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