In die Schnellbahn stieg ein Mann, vielleicht Anfang sechzig, unauffällig gekleidet, schwarze Wollmütze, Jeans, Allwetterstiefel, dunkle Daunenjacke, melancholische Augen, scheu. Er nahm platz und öffnete seinen Rucksack, entnahm ihm ein zerlesenes Exemplar von Perry Rhodan. Ich saß ihm gegenüber, erkannte den Titel des Heftes: Von Galaxis zu Galaxis. Autor der Episode ist Kurt Mahr (1934-1993), der als „der Physiker“ des Perry-Rhodan-Autorenteams galt, da er Physik studiert hatte und ein Diplom erwarb. Er begann seine Schriftstellerkarriere mit dem Schreiben von Western- und Liebesromanen, um 1961 mit dem Perry-Rhodan-Heftroman Nr. 5, Atom-Alarm, in die Perry-Gemeinde aufgenommen zu werden. Von Galaxis zu Galaxis trägt die Heftnummer 368.
Seit dem 8. September 1961, als das erste Heft der deutschen Science-Fiction-Serie an Verkaufsständen auftauchte, sind mehr als 2.800 Titel erschienen. Erscheinungsweise: wöchentlich. Derzeitige Auflage: angeblich 80.000. Perry Rhodan ist ein Bekenntnis zu einer Zukunft des Lebens in den Weiten des Weltalls, der Begegnung menschlicher Zivilsation mit extraterrestrischen Lebensformen und Kulturen, die ebenfalls fähig sind, den interstellaren Raum zu durchmessen und Erkundungsflüge zu unternehmen. Perry Rhodan ist Major des amerikanischen Raumschiffs „Stardust“, das zum Mond fliegt und auf dessen erdabgewandter Seite auf menschenähnliches Leben stößt.
Wenig später stieg der Leser wieder aus, verstaute vorher den Perry-Rhodan-Band in seinem Rucksack. Ich erinnere mich eines Gesprächs von vor siebzehn Jahren – das entspricht 884 Heftromanen – als ich mit einem guten Freund und Verleger über die Hochleistungsschriftstellerei der Branche sprach. Er zeigte sich beeindruckt, ich zeigte mich skeptisch. Wir sprachen über den Wahnwitz eines Georges Simenon, der in „guten Jahren“ drei bis vier Romane schrieb, sich dafür ganz abschottete, unsichtbar wurde, nach ein paar Wochen blaß, leer und ausgeschrieben seine Werkstatt verließ, ins Freie taumelte, sich erholte und schnell genas, um wenig später die nächste Romanhöhe in Angriff zu nehmen, in ähnlicher Rekordzeit, auf ähnlich hohem Niveau. Sicher hat er sich „draußen“ gelangweilt. Das belegt auch sein extrem hoher Frauenkonsum. Sein Leben ein Selbstbeweis.
160.000 und mehr Seiten Perry Rhodan. Georges Simenon: 75 Maigret-Romane, 100 Non-Maigrets, 200 Groschenromane, 150 Erzählungen, 1.000 Kurzgeschichten. Wovor läuft ein Mann fort, der sich derart akkumuliert? Simenon verblüfft und macht sprachlos, doch er droht hinter dieser imposanten Quantität zu verschwinden. Dagegen der abgründig einsame und spröde Fernando Pessoa mit einer Handvoll kleinerer Veröffentlichungen zu Lebzeiten und dem Jahrzehnte nach seinem Tod veröffentlichten Buch der Unruhe, unter größten Mühen zusammengestellt aus unzähligen Schubladentexten nur anhand der Skizze einer Idee zu einem Werk, heute offenbar unbestritten das wichtigste Werk der literarischen Moderne portugiesischer Sprache. Seltsame Erscheinungen am zeitbindenden Sternenhimmel.
Sie stehen nicht gegeneinander, die namenlosen Autoren der Perry-Rhodan-Reihe, die berühmten Viel- oder Wenigschreiber der Weltliteratur nach europäischer Lesart. (Karl May und Jules Verne möchten gern erwähnt werden, Honoré de Balzac meldet Ansprüche an: 91 seiner auf 137 Erzählungen und Romane angelegten Menschlichen Komödie seien fertiggestellt worden. Zu viel Arbeit, zu viel Kaffee, zugegeben, doch gerade dadurch …) Die Wortarbeit geht weiter, als Arbeit oder etwas anderes, lieber noch jenseits solcher oder anderer Üblichkeiten. Wer zählt, erhält ja stets nur Zahlen. Ich lese nächster Tage einen Non-Maigret, einen von hundert. Welchen? Irgendeinen.
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