Gestern sah ich eine ganze Reihe alter Fernsehaufzeichnungen mit Roger Willemsen, dem geschmeidigsten aller telegenen Intellektuellen. Er sprach so viel, so schnell und so klug, daß nach jedem seiner Redebeiträge ein Staunen im Raum stand. Wie bei einer Prüfung, bei der der Prüfling die Prüfenden blamiert. Er redete schneller, als das Publikum hören und verstehen konnte und war der Erstaunlichste unter der Zunft derer, die medienöffentlich nachdenken und debattieren. Noch mit sechzig Jahren wirkte er wie das ewig junge Talent, der Charmeur mit den guten Manieren, jemand mit großer Zukunft. Er blieb der brillanteste Musterschüler des bundesdeutschen Geistes, selbst wenn er sich der ernsthaftesten Themen annahm: Krieg, Hunger, Tod. Das ist die Kehrseite geschliffener Rhetorik und stilistischer Finesse: der Redeschmuck erdrückt den Inhalt oder lenkt von ihm ab. Dabei sollte er ihn herausstellen helfen. Etwas Gehetztes eignete Willemsens Rede, etwas ungewollt Schaustellerisches. Als habe er lange geübt und wolle nun jeden Abend wieder vorführen und zeigen, was er weiß und kann. Wer immer sein Gegenüber in Interviews oder Debatten war – Willemsen hatte leichtes Spiel. Niemand war ihm gewachsen. Er war ein Tänzer, ein Torero, ein melancholischer Gaukler. Ein Schulfiasko hing ihm nach. Roger Willemsen ist nun schon tot. Das hat mich gestern bereits traurig gemacht.
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