Was einmal los sein wird, wenn es auf den Gütermärkten knapp wird, läßt sich in einem Discounter wie Lidl an einem Samstagabend um kurz nach sechs Uhr studieren. Um diese Zeit geht es dort zu wie in einem Tollhaus. Die Abendmahlzeit, die pünktlich eingenommen werden muß (sonst murrt der Mann), und den einkaufsfreien Sonntag im Nacken jagen die armen Hausfrauen mit ihren Kindern durch die gefliesten Gänge und beladen ihre Einkaufswagen. Die Kinder melden eigene Wünsche an, dieses und jenes. Bitten, Betteln, Geschrei. Eine andere Gruppe tätigt Einkäufe für die Party heute abend: Bier, Wein, Schnäpse, Säfte und Knabberzeug, für das mittägliche Sonntagsfrühstück Brötchen, Butter, Kochschinken, Marmelade, Kaffee, Eier, Orangensaft, Wasser. Kurz vor der Kasse fehlt die Hälfte noch. Wo ist der Wodka? Kaufen wir bei Kaiser’s. Ein Einkäufer für den Imbiß um die Ecke bunkert sämtliche Mehl- und Speiseölvorräte. Eine Rentnerin diskutiert den Preis für den Tulpenstrauß. In der Werbung stand das anders, behauptet sie. Zwei Jungs in schwarzen Wintersteppjacken fehlen drei Cents für ihre Süßgetränke in coolen schmalen schwarzen Dosen mit limettengrüner Aufschrift. Der Pfandautomat streikt, weil jemand in zu schneller Folge die PET-Flaschen eingelegt hat. Das Personal versucht, ruhig zu bleiben. Im hinteren Bereich rast eine Kollegin: Warum tue ich mir diesen Scheiß an, warum tue ich das? Vor den Kassen queren Einkaufssucher die Schlangen, komplizierte Rangierbewegungen werden erforderlich, damit sie passieren können, um in einem der angrenzenden Gänge ihr fehlendes Produkt zu bekommen. Unmut macht sich breit. Geht doch hinten rum! Die Einkaufsroller aus Plastik werden knapp. Ich dachte, ich bin hier Kunde! empört sich ein Ahnungsloser. Nein, er ist hier genau wie ich und viele andere schlichtweg zuviel. Diese Lidl-Filiale ist Krisengebiet, und wesentlich aus einem Grund: daß nämlich um 19 Uhr gegessen werden muß. Nie wieder gehe ich um sechs Uhr an einem Samstagabend einkaufen. Ich bin nicht der Hölle entronnen, nicht einmal der Vorhölle, sondern nur einem der angrenzenden Gebiete. Doch meine Phantasie läßt mich ergänzen, was ich soeben nicht erleben mußte. Es wird sehr ungemütlich werden, wenn die Vorräte schwinden. Das wußte ich zwar bereits vor meiner idiotischen Expedition in der Hauptlebensmitteleinkaufszeit, doch nun habe ich es gesehen. Es sieht häßlich aus und wirkt dumm. (Als ich endlich an der Reihe war, piepte unaufhörlich der sogenannte Checkpoint. Die Kassierin behielt die Nerven, sie sagte: Das kommt manchmal vor. Ich behielt ebenfalls die Nerven und lächelte. Ich hatte nichts entwendet, doch der Checkpoint gab Alarm. Als ich meinen Einkaufswagen ankettete, gab es am Eingangscheckpoint erneut dieses Geräusch. Vor der Tür dachte ich nach, was an mir ein Signal auszulösen vermag.)
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.