Um ein Leben

Die Einmündung der Straße war mit Trassierband abgesperrt, Feuerwehr, Polizei und Rettungswagen standen dort. Ich ging zur Arbeit, sah hinüber, hatte es eilig. Der Löschzug der Feuerwehr ließ mich an ein Feuer denken, doch es qualmte und rauchte nicht. Die Straße wurde eben wieder für den Verkehr freigegeben. Die Einsatzwagen räumten die Stelle, setzten rückwärts, fuhren ab. Etwas Schlimmes sei passiert, erfuhr ich wenig später von einem Kind, dem man nicht sagen wollte, was geschehen war.

Eine Fahrradfahrerin wurde von einem Lastwagenfahrer überfahren, als dieser abbog und sie übersah. Sie war Mitte sechzig. Das ist kein Alter, dachte ich dumm, als ich hörte, was das Schlimme war. Der Unfalltod ist bekannt dafür, sich nicht an Erwartungen zu halten.

Wo ist die Radfahrerin jetzt? Ihren Körper werden sie abtransportiert haben. Er wird zurechtgemacht für den letzten Abschied und die Trauerfeier. Doch so schnell kann niemand entschwinden. Sie wird noch herumirren, denke ich, über der Unfallstelle kreisen oder einen Weg nach Hause suchen und ihn nicht finden, da nun alles anders ist, ohne Erde unter den Füßen und auch ohne Rad.

Ich denke an den Fahrer des Lastwagens. Er ist nun endgültig übergetreten in die Gruppe der Schuldigen, jener Gruppe, der wir alle angehören, nur daß wir es manchmal noch nicht wissen. Auch er kämpft um sein Leben.

 


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