Ein Beitrag auf Spiegel Online über Melancholie in der Literatur. Demnach ist Melancholie der neue Trend im krisenerschütterten Wirklichkeitsbewußtsein zeitgenössischer Autoren. Damit wäre „die drohende Diktatur des Glücks“ (Wilhelm Schmid wird zitiert) abgewendet oder demnächst überwunden. Ob sie nur drohte oder bereits regierte? Jedenfalls hat die Glücksdogmatik der letzten Jahre ganze Arbeit geleistet und im Bewußtsein der Zeitgenossen schwere Verwüstungen angerichtet. Der als Wille getarnte Zwang, glücklich zu sein oder es unter Zuhilfenahme diverser Produkte schleunigst zu werden, hat die Menschen erschöpft. Sie genügten sich selbst nicht mehr und liefen etwas nach, dem man nicht nachlaufen kann, da es sich nicht verfolgen läßt. Das Streben nach Glück und Erfolg durch permanente Selbstoptimierung war die konformistische Komplementärhandlung zu Globalisierung, Finanzkrisen, Kriegen und Flüchtlingselend. Darüber prangte als Abzeichen ein fetter Smiley. Das ist nun endlich vorbei. Jetzt, da erkannt wird, wie Elend aussieht und sich anfühlt, werden die Rückszugsphantasien stärker. Der Dauerlauf ist beendet, ein nachdenklicher Spaziergang beginnt. Die Welt stürzt auf uns ein, da erinnern wir uns des abgeschlossenen Gartens, in dem leuchtende Blumen stehen und duften. Schwere Seufzer. Wie schön es sein kann, wenn man sich in Ruhe läßt.
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