Lehre vom Zerfall – Emil Ciorans bekanntestes Buch, sein erstes in französischer Sprache (Von Tränen und von Heiligen erschien noch auf Rumänisch), ins Deutsche übersetzt von Paul Celan. Daraus diese Sätze: „Die Geschichte: Massenmanufaktur von Idealen, überspannte Mythologie, Raserei der Horden und der Einsamen, Weigerung, die Wirklichkeit als das anzusehen, was sie ist; tödliche Fiktionsgier …“ Eruptionen der Enttäuschung über den willfährigen Idealismus eigener Jugend.
„Das Leben der anderen, wie es sich vorstellen, wo doch schon das eigene kaum denkbar erscheint? Man begegnet einem Mitlebenden, erblickt ihn inmitten einer undurchdringlichen, durch nichts zu rechtfertigenden Welt, inmitten einer sich über der Wirklichkeit auftürmenden, baufälligen Masse von Überzeugungen und Wünschen. Er hat sich ein System von Irrtümern ersonnen und leidet nun aus Gründen, über deren Nichtigkeit der Geist in Entsetzen gerät, er gibt sich an Werte hin, deren Lächerlichkeit in die Augen springt.“ Ich selbst begegne mir auf diese Weise. Das ist ein Problem. Ich bin nicht naiv, kann es nicht sein – und bin es gerade deshalb?
„Das Nichts erklärt die stillschweigende Koalition der Sterblichen gegen den Tod; es ist nicht nur ein Symbol des Daseins, es ist das Dasein selbst; es ist das Ganze.“ Ich frage mich, ob diese Paradoxie weit genug trägt oder hält. Die Angst vor dem Nichts, das ist die Angst vor der Ungültigkeit der Bedeutungen. Aber bedeuten die Dinge nichts oder lediglich etwas anderes? Es lohnt, Cioran sehr genau zu lesen. Dazu muß man aufhören, sich bei jedem Bonmot auf die Schenkel zu schlagen. Einzig die Traurigkeit und sein schönes Narrentum überzeugen mich, nachdem ich früher den Stilisten genoß, der sich traute, das geistvoll und formvollendet zu formulieren, wofür ich die Hand vor den Mund genommen hätte. Mittlerweile fühle ich mich freier. Es ist gut, immer weiter zu gehen.
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