Mit oder ohne Daisy

Umwälzungen. Solche Leute hat es hier früher nicht gegeben. Vor zehn Jahren nicht, und vorher erst recht nicht. Schlanke Männer ohne Hintern in ärmellosen Shirts mit Vollbart und Kopfhörern auf dem Kopf, um nichts zu hören, was klingt wie die Straße, durch die sie gehen. Die schlanken Frauen in den Sommerkleidern wirken apart und erfrischend wie ein Erstsemesteraufgebot in einer Universitätsstadt. Sie lachen, so lustig ist das Leben und witzig bunt dieses Viertel. Etwas Hysterisches liegt in dem fast schon unbedingten Willen, ungezwungen zu sein (zu wirken). Das Hysterische der Unsicherheit einer endlos sich ausdehnenden Zukunft weit hinein oder hinaus in ein Etwas namens Zeit. Berühre deinen Nachbarn, er teilt dasselbe schreckliche Schicksal der Unabsehbarkeit.

Jorge Semprún erblickte Anfang der sechziger Jahre in dieser Art von Fröhlichkeit in einem Bistro von Paris den Tod. Ausgerechnet ihn, ausgerechnet dort. Er hatte seine Deportation nach Buchenwald überlebt, als Illegaler den kommunistischen Widerstand gegen das Franco-Regime organisiert. Doch nun, eines trunkenen oder halbtrunkenen Abends in diesem Bistro in Paris, als sich alles um „Daisy“ drehte, eine aufreizende, jedenfalls allseits beliebte Schönheit im Kreis ihrer harmlos vergnügungssüchtigen Altersgenossen – ausgerechnet dort und in dem Augenblick, als Daisy ihn ansah, wußte Semprún, daß sie den Tod übermittelte oder allegorisch verkörperte. Bis zu jenem Moment hatte er hoffen oder befürchten müssen, der Tod habe ihn geflissentlich übersehen oder führe ihn nicht auf seinen Listen.

 


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