Als ich an der langen Tafel zwischen Verwandten, Bekannten, Nachbarn, Freunden und Fremden saß, hatte ich Gelegenheit, ihre Gesichter zu studieren und zu schauen, wie sie sich sitzend gaben, derweil das Essen noch auf sich warten ließ. Einige schwiegen trotzig nach vorn und wirkten wie Felsen, andere hatten bereits ein Thema gefunden, an das sich Wörter hängen ließen, so daß Austausch entstand. Mich hatten sie in der Fremde plaziert, doch immerhin mit guter Perspektive auf das Gesamtgeschehen. Jemand wurde achtzig, da kam was zusammen. Die Tafel stand in Hufeisenform und die Kellnerinnen trugen nun auf. Es gab Nudelsuppe mit Klößchen und Eierstich, als Hauptspeise Rehbraten mit Kroketten, Rotkohl und dunkler Soße, zur Nachspeise feines Eis mit Obst. Der Raum war schmucklos und wirkte leer. Einst ein großer Saal für den Tanz, seitdem mehrfach renoviert und nicht mehr zu beleben. Es wird seit langem nicht mehr getanzt. Irgendwo hing ein Wagenrad, geschmückt mit Ähren und Trockenblumen. Es erinnerte daran, daß alle Orte im großen Umkreis einmal Bauerndörfer gewesen waren. Davon war wenig geblieben, auch wenn auf den Feldern das Getreide reifte. Daher die Leere, schlecht gefüllt mit Krimskrams und billigem Zeug an den Wänden. So armselig war es auf dem Land die letzten tausend Jahre nicht. Sie hatten zwar alle genug zu essen und aßen ja auch gern. Aber die Gegenstände fügten sich keinem verbindenden Sinn. Was sollte das Wagenrad an der Wand, wozu stand auf den billigen Fliesen im Flur zu den nach Essigreiniger riechenden Toiletten ein hölzerner Pflug mit Blumenkübel darauf? Das waren also die Zeichen dafür, daß hier einmal etwas stattgefunden hatte: etwas Hartes und Beeindruckendes, Unausweichliches und nicht selten Grausames. Niemand würde zurück wollen in die alte Zeit. Doch war sie ehrlich, wenigstens im Rückblick – während dies hier alles unsinnig wirkte. Das ausgeräumte Land, eine kulturelle Steppe mit Grillabenden im Rasengarten wie in der Vorstadt. Ich betrachtete die Gesichter, dann kam ein Wort: Unschuldslämmer.
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