Nah und fern

Ganz gut, die eigenen Texte eine Zeitlang nicht zu sehen. So können sie sich ein wenig erholen vom Angestarrtwerden und den ausforschenden Fragen. Sie sind in etwa so wie Verwandtschaft: viel Sehnsucht, aber wenn sie zu lange um einen ist, wird es etwas – sagen wir: eng. Man riecht sich selbst in ihnen. Ich kann sie annehmen, aber ich werde sie nicht lieben. Dazu müßten sie mir fremder sein. Ich spreche von den Texten, nicht von der Verwandtschaft. Gemeinsam haben sie die prekäre Vertrautheit. Man teilt etwas zuviel Geschichte, zuviel Wissen auch. Darum hängt leicht etwas Altes fest und läßt sich nicht lösen. Andere halten sie für Kinder, doch mag ich nicht der Vater von Texten sein, nicht einmal ihr Schöpfer. Vielleicht bin ich ihr Bruder. Ich fische ein bißchen herum in den tausend Teichen der Welt und bedenke den Fang mit Gedanken. Das ist es. Schöpferisch tätig sein, meinetwegen – aber nur, wenn man darunter etwas versteht, was am Brunnen stattfindet, wenn man sich mit den Händen Wasser ins Gesicht wirft oder zu trinken begehrt und dabei auf etwas Kleines und Feines im Wasser aufmerksam wird. Andere Bilder passen ebenfalls. Keinesfalls darf es etwas sein wie auf dem Monumentalrelief des Rodin-Schülers Constantin Meunier, der seine wulstig-muskulösen Helden der Arbeit in Posen erstarren läßt.


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