Hirn weich

Die Hitze schadet Hirnen. Ein Mann vor mir mit Brille und Rucksack muß am Fußgängerüberweg einen rettenden Sprung hinlegen, damit der aufgepumpte, gebräunte und an den Armen tätowierte Fahrer mit der schwitzenden Glatze im Muskelshirt in seinem tiefergelegten 3er-BMW ihn nicht erwischt. Der Muskelmann hat ordentlich Gas gegeben, damit der schmale Mann mit der Brille sich fürchtet. Schließlich hat er recht, denn der Fußgängerüberweg ist gar kein richtiger Fußgängerüberweg, denn ihm fehlen die Zebrastreifen und das passende Verkehrsschild, denn er bietet den Fußgängern, die die Straße überqueren wollen, als einzigen Schutz eine Verkehrsinsel inmitten der Fahrbahnen, auf der vielleicht zwei oder drei Fußgänger Platz finden, falls niemand von den Autofahrern anhalten mag. Vermutlich war dort einmal ein Fußgängerüberweg geplant, doch hat dann niemand mehr Geld oder Farbe oder die Courage gehabt, die Sache zu Ende zu bringen. Man müßte nur die Streifen malen und zwei Schilder aufstellen, dann wäre die Sache erledigt. Geschieht jedoch nicht. Alle Leute zu Fuß überqueren dort die Straße, denn die Verkehrsinsel ist so gebaut, daß sie jedem sagt: Hier ist (eigentlich) ein Fußgängerüberweg. Ich muß hinzufügen, daß es solche Ungereimtheiten in Berlin-Zehlendorf sonst nicht gibt. Fast hätte der BMW-Fahrer deshalb getötet! Überquert man als Fußgänger an ungeeigneter Stelle eine Autofahrstraße, darf man umgefahren werden. Selbst schuld, Idiot. Der Glatzenkönig von Zehlendorf oder Kleinmachnow braust triumphierend davon, ganz im Recht; sein Angeberseitenfenster steht offen, der tätowierte Arm winkelt heraus, er schreit noch: „Du Blödarsch, du …“ Den Rest nimmt der Fahrtwind auf. Ich sehe ihm nach, suche einen Grund, finde ihn: die Hitze, das Hirn, assistiert von: die allgemeine Frustration, von der alle schreiben oder reden. Grund: die Lage, ganz allgemein.

In Steglitz steige ich aus, denn ich entdecke, daß ich ohne Fahrschein fahre. Auf dem Bahnsteig brüllt erneut ein aggressiver Dicker. Er brüllt so laut, daß alle es hören und ihn anschauen. Er brüllt: „Halt, halt, halt!“ Adressat seines machtvoll vorgetragenden Befehls ist der Fahrzeugführer der S-Bahn Richtung Wannsee, der das Gebrüll entweder nicht gehört hat oder einen solchen Brüllaffen nicht im Zug haben möchte. Die Türen schließen sich, der Aggressor trommelt gegen die geschlossene Tür, schreit weiter. Er ist mindestens sechzig Jahre alt, er trägt Stoppelhaare, seine Wampe ragt weit nach vorn, umspannt von einem geringelten Poloshirt. Unten kurze Khakihose und weiße Socken in Wanderstiefeln. Kaum fährt der Zug an, dreht er sich um, brüllt erneut. Eine Frau, die an ihm vorbei geht, schreit er mit unverminderter Lautstärke an: „Du Schlampe, blöde Fotze!“ Ich sehe ihn mir genauer an. Er grinst ein widerliches höhnisches Grinsen, daß sich mir die Haare aufstellen. Ich verspüre Lust, ihm in den Arsch zu treten. Alle anderen auf dem Bahnsteig ebenfalls. Er schreit weiter, doch ich möchte nicht noch mehr von ihm zitieren. Wir sind jedenfalls allesamt dieses oder jenes, etwas zwischen Viehzeug und Pack, und er stiefelt die Treppe hinunter zur Straße, wo er sich vielleicht vor ein Auto werfen wird, womit bewiesen wäre, daß die anderen schuld sind.

Später lese ich weiter in Deadwood und bin schon auf Seite 20. Der Junge erschießt versehentlich ein Pferd und möchte es bestatten. Er hebt eine Grube aus. Charley und Old Bill sitzen auf dem toten Pferd, das anzuschwillen beginnt, und stellen sich vor, wie erst der Sarg aussehen wird, wenn jene großangelegte Vertiefung vor ihnen die Grube ist. Sie trinken und lachen und geben auch dem Jungen zu trinken, der schließlich zusammenbricht, weil er sich versehentlich die Schaufel vor den Kopf schlägt. Bill hat erst um sein Pferd getrauert, dann angefangen zu lachen, zu den Sternen hinauf. Charley ist froh, daß er das tut. Es ist wirklich zu komisch, mit einem Treck unterwegs zu sein, der aus Chinesen und Nutten besteht, die westwärts in der Stadt Deadwood ihr Glück finden wollen, und sich nun den Black Hills nähert. Bisher keine weiteren Unstimmigkeiten mit der Übersetzung. Das Buch fängt an mir zu gefallen.


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