Vampirkritische Methode

Es gibt schlimme Phasen des eigenen Lebens: nichts gelingt, niemand meldet sich, die Freunde wenden sich ab. Keine Ideen, keine Aussichten. Die Räume ziehen sich zusammen, die Gegend wird stickig. Das Herz schlägt trostlos in der eigenen Brust. Ticktack. Nachts die Panikattacken, wenn nicht am hellichten Tag. Das Gesprochene spricht sich wie aus fremdem Mund. Als sei man Sprachrohr eines Idioten. Man hört sich selbst zu und kann es nicht ertragen. Auf den Hund gekommen? Dann doch bellen. Dennoch weitermachen, es hilft ja nichts. Nichts hilft ja. Pechsträhne, sagen manche, zucken mit den Achseln, sagen: Das geht vorbei. Esoteriker trösten, denn sie wissen: Es dient deinem inneren Wachstum. Au ja. Gibt es nirgendwo Trost? Nein, nirgendwo. Man muß das aushalten, und zwar exakt so lange, bis man sich über hat, bis es langweilig wird, bis man versteht, daß es Blödsinn ist. Es ist das Gegenprogramm, der Versuch einer Zernichtung. Das Gehirn (manchmal sogar der Geist) wendet sich gegen sich selbst, weil ihm der Stoff fehlt. Es langweilt sich, es hat Hunger, es zerkaut das Erstbeste, und das bist du selbst, eben jetzt, gerade lecker genug, da verzweifelt, demnach zuckend, noch lebendig. Spürst du, wie es seine Zähne in dich schlägt, schon platzt die Haut auf, färbt sich rot. Du brauchst eine Pause, insbesondere von dir selbst. Sprich nicht (wenig), lausche. Du weißt zuviel, es hilft nicht, also vergiß es. Fang neu an, aber erst später. Erfinde dich. Es ergeht uns allen so, immer und immer wieder. So gelangen wir dorthin, wo man einstmals empfangen wird. Dort wird nach der Substanz gefragt, nicht nach den Redebeiträgen.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Vampirkritische Methode

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert