Etwas wie Krieg und Frieden oder Hundert Jahre Einsamkeit

Sie liest ein dickes Buch, vergilbt, einen Taschenbuchwälzer, oft gelesen, manche Seiten haben Eselsohren. Sie schaut nicht auf während der Fahrt, ist ganz im Text und folgt dem Sinn und der Bedeutung der Zeilen und Zeichen. Das Buch zieht sie aus der Gegenwart in seine Sphäre, oder umgekehrt: das Buch ist die Gegenwart dieser Leserin, die nichts und niemanden bemerkt. Es ist ein Abend im November, sie sitzt in der U-Bahn und schaut nicht einmal auf, als einer der Bettler erst eindringlich bittet, dann aufdringlich wird. Sein Jammer ist allen bekannt, die häufiger auf dieser Linie fahren. Ich würde ihm geben, doch er ist mir zu penetrant. Etwas in mir sperrt sich, ich denke noch darüber nach. Die Leserin verstaut ihr dickes Buch und verläßt den fahrenden Raum. Wann habe ich das letzte Mal auf diese Weise ein Buch gelesen? Muß Jahre her sein, das ist schlimm.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Etwas wie Krieg und Frieden oder Hundert Jahre Einsamkeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert