Kann jemand – bitte – etwas Schönes sagen oder schreiben? Es ist ja kaum mehr auszuhalten. Etwas Schönes, etwas Haltbares und Wahres. Etwas, das weiter trägt als bis zum nächsten Widerspruch oder einem Ich habe es so nicht gemeint.
Was reden denn die? Was sagen denn die, die sie uns zeigen und die sich uns zeigen, damit wir ihnen VERTRAUEN? Wollen sie Krieg? Möchten sie diejenigen um sich scharen, die so sind wie sie, und die anderen ins Meer treiben oder verhungern lassen? Dort, wo nicht überall Kameras hängen.
Was für eine beschissene Situation ist denn das! Seit Jahren deprimieren uns diese sogenannten Mächtigen, die aus ihren selbstgebastelten Zwangslagen heraus alternativlos die Alternativlosigkeit preisen. Und dann kommen andere, die sich als Alternative anbieten, und deprimieren uns noch mehr.
Ich untersuche mein eigenes Leben rauf und runter und suche einen Punkt, der mir anzeigt, weshalb ich so wahnwitzig deprimiert bin. Ich finde ihn nicht, ich kann mein Unglück nicht privatisieren. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es den anderen da draußen geht. Diejenigen, die ich sehe und spreche, wirken ebenfalls ausgeknockt, und nicht erst seit Trump.
Schaut man sich die Zaren an, die sich Throne errichten und demnächst krönen lassen, möchte man lachen. Wir kehren zurück ins 19. Jahrhundert, die alten Gebietskörperschaften werden restauriert. Bald gibt es wieder ein Osmanisches Reich, ein Kaiserreich Rußland; Österreich-Ungarn braucht auch nicht mehr lange.
Die Moderne geht in die Geschichte ein als eine Periode technischer Neuerungen und politischer Experimente. Die Massen bekehren sich erneut zur Macht der Stärksten. Die Liberalen werden, der Heuchelei überführt, bedeutungslos. Die freundlichen Utopien landen im Geschichtsbuch.
Stephen Hawking empfiehlt die Besiedlung des Weltraums, da der Mensch zu aggressiv sei für ein Überleben auf einem kleinen Planeten mit Platz nur für ein paar Milliarden dieser Art. Auf diese Schluffolgerung muß man erstmal kommen. Schlagzeile: Erde wird in spätestens 1.000 Jahren zerstört sein. Genauer geht es nicht? Nichts Genaues weiß man nicht.
Kann jemand bitte etwas Schönes sagen!
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Lieber Holger,
Ich will Dir wohl etwas schönes schreiben. Weil Du es bist, und weil Du so darum bittest!
Es scheint ja so zu sein, dass etwas kollabiert, ohne dass ein Neues schon da wäre. Wir ängstigen uns zu Recht vor diesem Vakuum, dass nur allzu gerne von den Barbaren gefüllt wird, die seit je den Globus terrorisieren. Insofern steckt in folgenden Worten von Václav Havel von 1994 auch das Risiko eines Scheiterns im Ganzen:
„Ich denke es gibt gute Gründe für die Annahme, dass das moderne Zeitalter zu Ende geht. Es gibt viele Hinweise darauf, dass wir uns in einem Übergangsstadium befinden, es sieht so aus, als ob etwas auf dem Weg hinaus ist und als ob etwas anderes unter Schmerzen geboren wird. Es ist so, als ob etwas taumelt, schwankt, schwindet und sich selbst erschöpft – während sich etwas anderes, noch Unbestimmtes, langsam beginnt aus den Trümmern zu erheben.“
Scheitern würde so aussehen: Es wird keine Apokalypse, keinen sozialistischen Untergang aller Menschen geben, sondern das wieder zunehmende Leiden derer, die an Gewaltbereitschaft, Technologie, Waffen und Naturbeherrschung nicht so viel auf die Beine gestellt haben wie die eurogenen Kulturen. Imperiale Lebensweise und unmittelbare Gewalt rücken dann wieder näher aneinander. Die vom World Future Council befürchtete Entwicklung eines Climate-Nuclear Nexus (Forcierung der Atomenergie als Ersatz für fossile Energieträger sowie die Gefahr der weiteren Verbreitung nuklearer Waffen, die in entsprechenden Klimakriegen um Wasser, Rohstoffe und Territorien auch eingesetzt werden würden) würde dabei eine fatale Rolle spielen.
Das würde den Übergang in eine neue Barbarei bedeuten, die Stephan Rammler 2010 in „Das Ende der Moderne zwischen Apokalypse und Utopie“ als Weltüberlebensgesellschaft bezeichnet hat:
„Der Übergang von der Weltrisikogesellschaft zur Weltüberlebensgesellschaft findet genau dort und dann statt, wo und wenn Risiken in konkrete Gefahren und Bedrohungslagen umschlagen, wie es
gerade der Fall ist. Dabei geht es weniger um die Frage des absoluten Überlebens von Menschen auf diesem Planeten als vielmehr um die Frage des relativen Überlebens im Vergleich zu dem heute
erreichten Zivilisationsniveau. Was bliebe nach einer Phase massiver Destabilisierung, nach einer Zeit sehr zugespitzter Auseinandersetzungen um Ressourcen, Nahrungsmittel, Lebensraum, ja um Überlebenschancen im weitesten Sinne? Die Gefahr droht, dass die dünne Patina der Zivilisiertheit, also das, was uns im Laufe der eigentlichen Menschwerdung vom Tiere geschieden hat, wieder verloren geht. Wenn wir es vermasseln steht nicht weniger als die Menschlichkeit an sich auf
dem Spiel.“
Ich meine jedoch, wir befinden uns nicht zwangsläufig auf dem Weg aus der Moderne heraus, sondern mit etwas Glück auf dem Weg in eine andere Moderne, denn der Kern der Moderne war ja die ständige Auseinandersetzung mit dieser dünnen Patina, zwischen Barbarei und Menschlichkeit, allerdings auch der ungebändigte Wille zur Naturbeherrschung, der in einen neuen Zwang umschlägt. Die andere Moderne wird keine automatische sein, sondern entweder eine reflektierte, für die wir etwas tun müssen, die also gestaltet werden kann und muss, oder sie wird zu einem Automatismus (technoider, sozialtechnologischer und machtpolitischer Art) degenerieren und damit in den Zwang einer zweiten Natur, die wiederum genau jene Gewaltverhältnisse begründet und festigt, die zu brechen die Moderne versprach.
Mit etwas Glück und Engagement zeichnet sich jedoch eine manufakturelle Moderne ab. Zur Vermittlung bräuchte es eine Art politische Bauhaus-Tradition; diesen Versuch gab es ja schon einmal in der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Oder betrachte die neuen offenen Werkstätten; sie sind Zeichen einer Remanufakturisierung des Bewußtseins, einer Moderne mit humanem Tempo, bei der niemand auf der Strecke bleibt, weil irgend eine Maschine es schneller kann. Hawkings Dystopie einer Besiedlung des Weltraums folgt einfach der Gegebenheit eines irren Wachstums und der damit verbundenen Beschleunigung. Das ist nicht sehr einfallsreich.
Die freundlichen Utopien landen keineswegs im Geschichtsbuch. Sie werden bloß nicht mehr in den Köpfen großer Ideologen gefertigt, die damit meinen, die Maschine für die finale Befreiung erfunden zu haben. Diejenigen, die vor allem im zwanzigsten Jahrhundert solche Maschinerien meinten einsetzen zu müssen, haben die Welt in einen Fleischwolf verwandelt. Es war genau diese Vorstellung vom Automatismus der Moderne, von dem man meinte, da müsse man eben durch. Die Moderne als Maschine, die Geschichte als Automatismus, die Zivilisation als logischer Endzustand der automatisch verwirklichten Vernunft bzw. des Endes der Geschichte, wie die Posthistoire Theoretiker von Antoine-Augustin Cournot (1801 bis 1877) über Arnold Gehlen bis zu Francis Fukuyama es sich und uns vorstellten. Der Gedanke dieses Automatismus ist also Teil jener industriellen Revolution, von deren menschenverachtender Seite die Moderne sich distanzieren wollte.
Die freundlichen Utopien landen z.B. – um eine von vielen Quellen zu nennen – in den Projekten und Dokumentationen zur Nachahmung, die im FuturZwei Zukunftsalmanach (der dritte Band ist gerade herausgekommen) geschildert werden. Da wird die Praxis von Leuten geschildert, die genau wissen, dass aus der Erkenntnis alleine noch lange keine gedeihliche Gesellschaft entsteht. Die Utopien leben und sind Realität, sie machen nur nicht so viel Lärm wie die Dinosaurier der Geschichte. Aber letztere machen ja noch ihr Hegelsches „bauz! baradauz!“ wenn sie wie die Götzen umfallen.
Wir müssen nirgendwo schnell und ohne Rücksicht auf Verluste durch. Wir müssen auch nicht perfekt sein und lernen, was irgendwelche Ideologen uns vorschreiben. Dieses Überbleibsel aus der Maschinenlogik der Aufklärung ist obsolet. Die Transformation ist kein Jammertal, das zu durchqueren uns so schnell wie möglich gelingen muss, sondern die Lebensform einer säkularen Ethik mit eigener Würde. Wenn diese Brücken, diese Übergänge in die Zukunft – wie auch immer sie aussehen – nicht lebenswert sind, dann wird die Zukunft es auch nicht sein.
Wie schrieb Günter Kunert einst:
„Den Fischen das Fliegen
Beigebracht. Unzufrieden dann
Sie getreten wegen des
Fehlenden Gesanges.“
Das ist vorbei: Wir müssen Richtung und Tempo selbst bestimmen. Wir sind nicht dazu da, die Welt zu retten, oder die Maschinen der großen Ideologien, Doktrinen und Geschäftemacher zu speisen, sondern unserer imperialen Lebensweise abzuschwören und die automatische Moderne zu verabschieden.
Vor den Autoritären sich zu fürchten ist – in Deutschland allemal – erlaubt und verständlich. Aber der Infant von Nordamerika alleine bringt dieses Gewicht noch nicht auf die Wage. Erst seine Brüder- und Schwestern in Europa könnten da gefährlich werden. Und bis dahin haben wir ja noch ein Wörtchen mitzureden, und das sollten wir auch tun.
Aber, ist das jetzt schön?
Herzlich,
Othmar