Die abgebrochene Schlacht

Daß Goethe noch einmal zum Gegenstand einer heißen Debatte würde werden können, hätte ich mir nicht erträumt. Nachts um halb drei oder später in der Bar des Vertrauens, und sicherlich waren wir schon angetrunken. So führt man die heitersten und freiesten Gespräche, mit erstaunlicher Entschlossenheit. Einer übernahm die Rolle des Anklägers, und tatsächlich fiel das Wort „Fürstenknecht“. Auch die Kanonade von Valmy diente (erneut) als Beweisstück für Goethes (zweifellos) antirevolutionäre Haltung. Die „Sache des Volkes“ war seine nicht – doch was ist die Sache des Volkes, wenn man das Pathos abklopft und die Selbstüberhöhung der Vielen ausbürstet? Vermutlich ist sie die Gerechtigkeit. Nach anfänglicher Begeisterung für die Revolution und den Sieg der Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wandten sich die Zeigenossen schauernd ab, als die Schreckensherrschaft der Jakobiner anhob. Seitdem weiß Europa, daß Tugend in letzter Konsequenz Terror bedeutet. Goethe stand nach Ansicht des Anklägers nicht auf der richtigen Seite der Geschichte. Er stand an der Seite seines Provinzfürsten, des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar, und besah sich die Schlacht auf dessen Bitte hin. Dreißig Jahre später machte er daraus einen Bericht, die Kampagne in Frankreich 1792 (im Erstdruck Auch ich in der Champagne!). Er reist mit Kutsche und Diener an, steigt schließlich aufs Pferd um, gräbt sich mit den Weimarischen in Reichweite der französischen Kanonen in den Boden ein (läßt sich ein Loch graben) und bemerkt, was Krieg bedeutet. Er nennt ihn einen „Vortod“, der „alle Menschen gleich macht, allen Besitz aufhebt und selbst die höchste Persönlichkeit“ der „Pein und Gefahr“ aussetzt. Hier wird deutlich, wie der Dichter die Menschen einteilt. Aber deshalb ein Fürstenknecht? Eher ein Herr, der sich ebenbürtig weiß mit den Großen seiner Zeit und nicht verwechselt mit jenen armen Hunden, die als Kanonenfutter dazu ausersehen sind, siegreich und mengenmäßig zu sterben. Die Schlacht wurde, kaum daß sie begonnen war, von der preußischen Führung abgebrochen. Die französische Revolutionsarmee, besser ausgerüstet und in Überzahl, hatte Eindruck gemacht. Goethe beschließt, sich fortan nie wieder über Kleinigkeiten zu beschweren: den Giebel eines Hauses, der die schöne Aussicht verstellt, oder den Zustand des deutschen Theaters. Der berühmte Satz „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“, angeblich am Vorabend der Schlacht gesprochen, klingt dagegen phrasenhaft. Wenn es ans Sterben geht, braucht man bessere Ideen.


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