Wir scheinen sonst verloren (Achterbahnfahrt)

Wenn eine halbe Schulklasse im Waggon sitzt und ihren Lehrer Mr. Dee nennt und keine zwei Stunden später an einem gänzlich anderen Ort jemand einen Fantasy-Thriller liest, in dem ein Dr. John Dee vorkommt (Der unsterbliche Alchemyst von Michael Scott), erstaunt mich das, denn ich bin es, dem beides begegnet. Ich hätte nicht in den Roman schauen müssen, doch ich tat es. Ich war nicht der Leser dieses Buches, doch ich warf einen Blick hinein, nur um zu schauen, wie jener Autor schreibt. Die Seite, die ich überflog, hätte eine andere sein können, eine Seite, auf der Dr. Dee nicht namentlich erwähnt wird. Ich hätte in einen anderen Waggon steigen oder eine Schnellbahn später oder früher nehmen können, dann wären mir Mr. Dee und seine Schulklasse nie begegnet. Ereignisse, die räumlich und ursächlich voneinander getrennt sind oder sein sollten, fallen sich zu. Das besagt unser Wort für Unwahrscheinlichkeit. Es darf keine Zeichen geben, doch wir suchen sie. Das Bewußtsein ist darauf angelegt, nicht nur kulturell. Wir forschen überall nach Zusammenhängen und Verbindungen, da wir ihrer bedürfen, um die Wirklichkeit zu lesen und als sinnvoll zu deuten. Denn wir bewegen uns in ihr und müssen Entscheidungen treffen. Alles ist Zeichen oder könnte Zeichen sein. Schon wird es aufregend, zugleich aber verwirrend. Menschen sind darauf angewiesen, Weltbilder zu entwickeln. Verstoßen wir eines, bedürfen wir eines anderen. Niemand lebt ohne Weltbild. Daher die erbitterten Kämpfe. Suchende möchten Findende sein. Verallgemeinerungen von Erfahrung. Seltsames Wort übrigens: Weltbild. Welches Bild welcher Welt? Selbst die Weltbildfeinde basteln eins. Sie basteln an einem Bild ohne Bild. Das ist wirklich interessant. Und weiter gehen die Fragen und führen hinein oder hinaus aus der Welt, die etwas Großes und Bedeutsames zu sein scheint. Letztendlich entscheidet sie, was ist und was nicht. Ob wir das bemerken, ist unsere Sache. Ob ich bin, weiß ich nicht mit letzter Sicherheit. Ich könnte nur gespielt sein und vorgeführt werden zur Unterhaltung eines Publikums außerhalb unserer Sphären. Dann säße ich im Irrealis, während das Publikum sonstwo säße und unterhalten wäre. Ja, tatsächlich habe ich mich schon gefühlt wie einer, der vorgeführt wird und antanzen soll. Das war eine schlechte Zeit. Jetzt kümmere ich mich wieder um die Zeichen und bekenne mich zur Begrenztheit meiner Erkenntnis und widme mich einer Wirklichkeit, in der es nicht unwesentlich ist, wem was wann begegnet und was daraus folgt.


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