Das Gute an unserer Zeit ist, daß sich die einzelnen Akteure des großen Spektakels kaum mehr verbergen. Die Ideale sind dahin, erscheinen diskreditiert oder wurden desavouiert. Machtpolitik versteckt sich nicht länger hinter menschenfreundlichen Parolen. Die U.S.A. schicken sich an, den Beweis anzutreten, daß auch sie auf Menschenbeglückendes fortan verzichten können, sogar rhetorisch. Das klärt. Der Tisch der Phrasen ist abgeräumt. Niemand möchte mehr irgendwen retten, gibt auch nicht vor, solches zu tun. Die Befreiung des Menschen aus der Knechtschaft des Kapitals, der allesbeherrschenden Partei-Nomenklatura oder des unverschuldeten Unglücks (Naturkatastrophen, Hunger und Durst) – vorbei. Jeder soll sich selbst der Nächste sein. Die Allianzen, die sich nun bilden müssen, verdienen alle Aufmerksamkeit. Es wird weniger geheuchelt als zuvor, das ist gut. Weniger gut ist, daß die Akteure die neue moralische Unverbindlichkeit als Gratislizenz nehmen. Die Gebietskörperschaften dehnen sich aus, bis sie auf Gegendruck stoßen. Ist der Gegendruck schwach genug, um als unbedenklich wahrgenommen zu werden, dehnen sie sich weiter. Lange nichts mehr von der UNO gehört. Die Vereinten Nationen sterben den politischen Tod der einstigen Weltmacht mit oder begleiten deren Siechtum. Der scheidende Präsident dieser Welt- und Supermacht nannte Rußland eine Regionalmacht. Der Nachfolgepräsident legt sich via Twitter mit China an … Die Schleier fallen, die Mächte präsentieren sich unverhüllt und häßlich. Nur das alte Europa versucht noch Figur zu machen und Anstand zu wahren. Das ehrt unsere Leute vom Kontinent des Schreckens der letzten fünfhundert Jahre: daß sie als einzige vertrauensselig und halbwegs wohlgemut in die Haifischbar der Zukunft gehen. Das alte Europa ist gestillt, hat seine Raubzüge gehabt, möchte nun in Ruhe altern, seinen Wohlstand verwalten und ein Erbe weitergeben. Daraus wird nichts werden. Auch China kann sich benehmen, allerdings nicht auf westliche Art. Es achtet sorgsam darauf, daß seine Kontrahenten ihr Gesicht wahren können. Das mißdeutet der Neue im Weißen Haus. Die Leute aus Peking werden ihm beizubringen wissen, welche Folgen es hat, wenn man sein Gegenüber behandelt wie einen Feind oder lästigen Konkurrenten. China wird sich mit Europa zusammentun, das folgt daraus. Bündnispolitik neuen Stils ist eingeläutet. Es bewegt sich etwas, die großen Eisschollen brechen. Die außenpolitischen Kreise wissen es längst und bereiten sich vor. Derweil liefern uns die Leute von gestern noch die Rhetorik von vorgestern.
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