Meine Großtante ist seit langem tot. Sie wußte mehr als wir. Sie wußte genauestens, wer mit wem wie verbunden oder verwandt war und wurde nicht müde, unserer Familie solches darzulegen. Wir hörten notgedrungen zu und merkten uns jene Bruchteile, die Bemerkenswertes enthielten oder eine Geschichte ergaben, an der sich die Phantasie entzünden konnte.
Die Großtante türmte Detail auf Detail, unterschiedslos. So entstand eine Ansammlung, ein großer Haufen von substantiellem Nichts, der mich allein deshalb beschäftigt hielt, da sie bei jedem Besuch Neues auf ihn warf und sich empört zeigte, daß wir wieder nicht gelernt hatten, wie Helene Schwedhelm zu Margarethe Sonnemeier stand. Sie waren nämlich Cousinen zweiten Grades. Daß man sich das nicht merken konnte!
Halb so schlimm, sie erklärte geduldig von vorn. Man durfte sie nicht unterbrechen. Sie half, wo immer Hilfe nötig war, unterstützte uns bei der Arbeit: Kartoffeln roden, Himbeeren pflücken, Erbsenschoten leeren, Bohnen einkochen, Stroh pressen. Sie war stets da, wenn wir sie brauchten. Wir müßten ihr ein kleines Denkmal errichten. Sie hat es verdient, sie war eine Gute.
Sie lehrte mich die Müdigkeit und Erschöpfung beim Zuhören. Sie verlor sich im Gestrüpp der Verwandtschaftsbeziehungen, folgte jedem Faden einer Verbindung bis an sein Ende, sprang dann zurück an den Ausgangspunkt oder willkürlich an eine andere Stelle des Beziehungsnetzes und nahm sich eine neue Linie vor. Zu jedem Menschen im Umkreis einer Tageswanderung um unser Dorf wußte sie die bezeichnenden Details.
Ein Schulfreund nannte sie „die Dorfzeitung“. Mag sein, daß man so über sie sprach und sich lustig machte. Da tat sie mir leid. Sie konnte nicht anders, mußte immerfort reden und erklären, denn das war ihr Spezialgebiet: wie die Leute zusammenhingen und was sie trennte oder verband. Den tieferen Sinn des Ganzen überließ sie Gott. So war sie erzogen.
Ich sehe sie heute als eine Chronistin der alten mündlichen Überlieferung. Da es so viele Menschen und Schicksale und Verbindungen gab, konnte sie sie unmöglich zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen. Sie war keine Sängerin, keine Poetin, auch gestalterisch gänzlich unambitioniert. Die Einzelheiten blieben bei ihr einzeln, es gab keine Synopse (obwohl sie in ihr vorgelegen haben mag).
Wäre sie eine geborene Erzählerin gewesen, hätte sie den Stoff geordnet und einer Auswahl unterworfen. Entstanden wäre ein niedersächsisches Bauernepos über Suchen und Finden, Gewinnen und Verlieren, Freude und Trauer, Glück und Unglück, Hoffnung und Enttäuschung – und über die Abhängigkeit von dem, was man so hört und was man so sagt. Sie konnte auch wegwerfend reden, wenn Familien oder Individuen nicht ihrer Vorstellung von Sitte und Anstand entsprachen.
Mit meiner Großtante, der Schwester meiner Bauerngroßmutter, ging viel verloren. Ich hätte mir nichts von dem, was sie wußte, jemals merken können. Das konnte nur sie. Sie war heiter und geschwätzig, ich mochte sie.
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