Weniger streng, weniger hart

An diesem denkwürdigen 4. März, der uns in Berlin siebzehn Grad Celsius bescherte, waren die Menschen sich überwiegend freundlich gesonnen. (Wer weiß, was der Abend bringt.) Seid freundlich zu den Kindern, sagte ich mir, als mir auf dem Gehweg eine kleine Horde entgegenlärmte, die Mütter dahinter im Gespräch. Sie kamen kaum nach, so schnell waren die Kleinen. Seid freundlich zu den alten Männern, dachte ich, als ich im Friseursalon den Grauhaarigen mit dem Oberlippenbart erblickte. Er sah aus wie Augusto Pinochet, nur weniger mißtrauisch. Der Friseur kämmte ihm die dünnen Haare aus der Stirn, so daß sie geordnet nebeneinander nach hinten zogen, die Haare. Seid freundlich zu den Kassiererinnen, auch wenn die Schlange der Wartenden lang und länger wird. Nur ein alternder Punk mit hundert oder mehr Ringen an Nase, Ohren, Brauen, Lippen beschwerte sich laut und vernehmlich: Mann, die Schlange geht schon bis zum Pfandautomaten, macht ma‘ endlich ’ne zweite Kasse auf! Die Kassierin sagte kopfschüttelnd: Alle warten schön und sind ruhig, nur der, der nur Alkohol kauft, ist laut. Gut, aber der hat es vielleicht besonders eilig. Seid freundlich zu den alten und jungen Punks. Sie sind der Beweis, daß es auch anders geht, wie auch immer. Seid freundlich zu den Müttern – im Drogeriemarkt schoß eine mit Kinderkarre und kleinem Jungen, der schon laufen kann, durch die Produktkorridore und kommandierte in einem fort, hart am Rand des Nervenzusammenbruchs. Sie war schmal, groß, studiogebräunt, fitneßgestählt, sie hatte es eilig und haßte es in jener Situation, die ich miterlebte, daß etwas an ihr hing, das man nicht losmachen kann, nicht jetzt, nicht morgen, irgendwann später vielleicht einmal. Seid freundlich zu den Beobachtenden. Sie verstehen und urteilen nicht so schlimm wie befürchtet. Sie kennen den Unterschied zwischen dem, was einer tut und leistet, und dem, was einer nur sieht und bedenkt.


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