Macht

Es war einmal eine Vorstellung, in dieser Vorstellung gab es bestimmte Menschen, wenige, ich müßte sogar sagen: auserwählte. Diese Leute (ich sage Leute, um zu untertreiben, für mich waren sie Heilige) wagten sich an die Sprache heran, nahmen Wort für Wort in die Hand, auch zu Herzen wie Verliebte, und probierten etwas aus, erst zaghaft, später vielleicht mit etwas größerer Freiheit und gewachsenem Mut — sie ’schrieben‘, sie schufen etwas, das ich bewunderte. Das waren die Dichter, so hießen sie. Einige Namen kannte ich bereits, andere sollte ich kennenlernen. Ein gutes Lernen braucht Zeit und bekommt sie auch. Wenn diese Leute nicht Heilige waren, dann wenigstens Idole. Zu Idolen kann man aufsehen, sie bewundern, von unten bestaunen. Das nimmt einige eigene Jahre in Anspruch, schließlich weicht die anbetende Haltung einer anerkennenden – man macht sich nicht mehr klein (selbst wenn einen niemand kennt). Seitdem suche ich die Dichter, aber ich finde sie nicht mehr, zunehmend weniger. Ich meine die Leute meiner Generation oder der nachfolgenden oder nachnachfolgenden. Wo sind denn die Dichter? William Carlos Williams und Sergej Jessenin und Rolf Dieter Brinkmann sind lange tot, Durs Grünbein schranzt sich an die Klassiker der Antike heran, Jan Wagner „erweckt die Magie zweiter Ordnung“. Wo sind die Dichter? Das sind nicht Leute, die das Gras wachsen hören oder den Wellensittich interviewen. Internet und Poesie – du meine Güte, schnell ein Gedicht basteln, als sei Aktualität eine poetische Größe, nicht eine journalistische. Oder Europa-Romane verfassen, großer Gott, nein. Ich rede von Dichtern, von Menschen, in denen sich etwas zusammentut vom Verhängnis und der Gewalt einer Epoche oder eines Epochenabschnitts, eines Wahnsinns, einer ungeheuren Energie. Das preßt sich in ein Werk, dort gehört es hinein, oder die Poesie ist gestorben und alles bleibt fortan Film und laufendes Bebildern. Das Gedicht fixiert das Zerlaufende und bannt es, demaskiert es, setzt es radikal fest – so daß niemand sein wirkliches Gesicht vergißt. Das Gedicht ist totalitär.


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