Da vorn und hier vorn

Die Straße ist vierspurig, in der Mitte befindet sich eine Verkehrsinsel. Die Fußgängerampel schaltet in zwei Phasen auf Grün, wer auf der Nordseite der Kreuzung steht, muß einige Sekunden warten, während die Fußgänger von Süden bereits gehen dürfen, bis zur Mitte, dort müssen auch sie warten. Vor einer Stunde etwa wäre diese Ampelschaltung einer Frau beinahe zum Verhängnis geworden. Sie lief von der Nordseite los, weil sie sah, wie wir von gegenüber auf sie zukamen, oder weil sie in Gedanken war (sie wirkte etwas zerstreut, bald ist Weihnachten), und bemerkte nicht den PKW, der über die Kreuzung schoß, direkt auf sie zu, ein Kleinwagen. Darin saß ein Fahrer mit Anorak und dunklem Bart, der riß die Augen auf und trat voll auf die Bremse, rutschte auf sie zu. Ich sah die Frau vor meinem inneren Auge bereits zu Boden stürzen und ging in Bruchteilen einer Sekunde die nächsten Schritte durch: dem Fahrer sagen, daß er das Warnblinklicht einschalten, dem neben mir stehenden Fußgänger sagen, daß er die Notrufnummer wählen, mir selbst auftragend, daß ich die Einkaufstaschen abstellen und mich um die auf dem nassen Asphalt Liegende kümmern muß, bis ein Rettungswagen kommt. Doch der Fahrer brachte seinen Wagen noch zum Stehen, die Frau taumelte auf uns zu, er rief ihr nach: „Sag mal, bist du behindert, oder was?“ Sie wandte sich um und sagte: „Aber sehen Sie, da vorn ist doch Grün.“ Er schüttelte mit dem Kopf, schloß die Seitenscheibe und fuhr weiter. Die Frau war noch ganz verstört, sie hatte soeben überlebt, lief nun weiter, hatte Grün.


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