Dadaisten

Ist jetzt Zeit für Dada, erneut? Dada war der „Aufstand der Dinge“ (Erhart Kästner), Dada war die Notwehr des geschundenen Geistes. Dada war später noch in der DDR – das hat der Bänkelsänger Wolf Biermann den Lyrikern vom Prenzlauer Berg vorgehalten. Seine Sache. Die DDR war Dada, jeder wußte es.

Gründungszeit für Dada ist der Erste Weltkrieg. Die anerkannte Vernunft schickte die wehrfähigen, blutjungen Männer an die Front und ins Verderben, sie warf Parolen aus und erfand Unglaublichkeiten, die auf ismus enden. Für Ismen und Gruppenfiktionen schlitzen Wesen sich die Hälse auf nach Menschenart. Da machen die Verständigen mit und schulen ihren kleinen anpassungsfähigen Verstand und bringen ihn auf Touren – weil sie zu müssen meinen und man das jetzt so macht. Es geschieht jeweils wieder, jede Parole kostet Blut.

Wenn das also die Vernunft macht, erkannten die Dadaisten, quittieren wir sie. Wenn das der Ernst des Sprechens ist – Siegesmeldungen und Durchhaltequark – widerlegen wir ihn. Dada ist die Widerlegung todbringender Vernunft, die Entlarvung solcher Unvernunft. Dada ist Babygebrabbel, ist regressiv. Da wollten junge Männer partout nicht erwachsen werden, denn sie konnten ja sehen, wohin das führt.

Dilettanten, alles Dilettanten! rief der Dada-Rezitator in die verkehrsberuhigte Spielstraße der Neubausiedlung über Hecken, getarnte Mülltonnen und paßgerecht eingeparkte Autos hinweg in den Grillabend der beginnenden Großen Ferien, die Fête de la Musique und die Sommersonnenwende. Die Mauersegler kreischten und zeichneten in die Lüfte, was die Irdischen nicht verstehen.

Ich löse mit meinem Buch jedes Problem, versprach ein Mann, der zu denken versteht. „Es gibt kein Recht auf Verstecken“, zitierte er einen Politiker, der die informationelle Selbstbestimmung des Bürgers aushebeln möchte. Was stimmt – rein logisch – nicht mit seiner Aussage? fragte der Mann, dessen Buch die Lösung bringen wird. Wenn es „kein Recht auf Verstecken“ gibt, sagte er, bedeutet das, daß es für alles, was Menschen tun, erst ein Recht geben muß. Im Umkehrschluß heißt das was? Richtig – daß alles, wofür es kein Recht gibt, verboten ist.

Dada ist dran, wenn nichts mehr hilft. Dada ist flüchtig, kann nicht verweilen. Dada ist mehr als Parodie – Dada ist Auszeit und Spielstunde. Wer weint denn dort hinten? Dada ist moralisch, Dada klagt an. Dada kommt von jenen, die nicht eingezogen wurden oder denen außerhalb zu sein gestattet ist. Schweiz, Neutralität, Freiheit in Sicherheit.

Politiker und Gegenpolitiker sind Dadaisten. Sie haben es in der Hand. Was eigentlich? Uns? Selbst die Kritiker machen mit. Dada feiert frohe Feste. Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen. Wir? Wer sind denn wir?


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Dadaisten

2 Gedanken zu „Dadaisten“

    1. Erhart Kästner: Aufstand der Dinge. Bibliothek Suhrkamp Bd. 476. Frankfurt a. M. 1973. Im Untertitel heißt das Buch „Byzantinische Aufzeichnungen“. Dada und moderne Kunst sind darin nur Unterkapitel.
      Daß (selbst) die Gegenstände nicht mehr mitmachen wollen, hat mich fasziniert. Mit ihnen war stets zu rechnen, auf sie war doch Verlaß!
      In dieser Hinsicht setzen die Dadaisten fort, was in der ‚Schauerromantik‘ begonnen ist. Nur daß sie, die Dadaisten, das Anliegen verblödeln. Weltkriegsangemessen.
      Daß die Materie sich nicht wehrt, ist das Wunder. Was sich wehrt, ist stets der Geist.

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